WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wer nimmt die Finanzindustrie an die Kandare? - von Wolfgang Unterhuber

Wir spielen noch immer "Monopoly" ohne Regeln

Wien (OTS) - So wie das derzeit aussieht, kommen wir
offensichtlich noch einmal mit einem blauen Auge davon. Die weltweiten Mega-Konjunturpakete und Staatshaftungen für strauchelnde Branchen und Konzerne scheinen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. 2010 wird noch hart, aber 2011 sollte es schon wieder bergauf gehen, so die Auguren der Weltwirtschaft. Natürlich: Die Schuldenberge nehmen inzwischen gigantische Ausmaße an und die Arbeitslosigkeit wird ein eklatantes Dauerproblem werden. Aber wer am Ertrinken ist, ist froh über jeden Strohhalm.

Apropos Ertrinken: Bei allen Rettungsaktivitäten wurde bislang auf die Schwimmweste vergessen. Der nächste Aufschwung wird dummerweise nur ein geborgter sein - wenn nicht endlich die Verursacher dieser Krise an die Kandare genommen werden. In den beiden Welthauptstätten der Finanzindustrie, New York und London, haben wir es nach wie vor mit hoher Intelligenz, gepaart mit hemmungsloser Habgier zu tun. Dazu gesellt sich die enorme Ignoranz und Dummheit der politisch Verantwortlichen, die weder gewillt, noch in der Lage sind, der Finanzindustrie klare Spielregeln zu verordnen. Der G8-Gipfel wird das einmal mehr unter Beweis stellen.

Dabei ist es höchst an der Zeit, statt homöopathischer Behandlungsmethoden operative Eingriffe vorzunehmen. Alle Finanzinstitute, alle Investment- und Pensionsfonds, alle Investmentbanken, Hedgefonds, Equity Trusts, Versicherungen und Hypothekenbanken müssen einer europäischen Banken- und Finanzmarktaufsicht unterstellt werden. Diese Aufsicht müsste
für alle Branchen der privaten Finanzinstitute Eigenkapital-Minima festlegen. Allen Finanzinstituten müsste bei Strafe der Handel mit Derivaten, Zertifikaten und anderen Wertpapieren verboten werden, die an der eigenen Bilanz vorbeigeschummelt werden können. Zudem müsste die Spekulation auf fallende Kurse nachhaltig erschwert werden.

Natürlich fürchten die Protagonisten der internationalen Finanzindustrie solche Regularien wie der Teufel das Weihwasser. Es stellt sich aber die Frage, ob die Steuerzahler künftig jedes Mal den ungehemmten Raubtier-Kapitalismus sponsern müssen, wenn sich eine Handvoll Zocker vertan hat. Stellen wir uns einfach das nette Familienspiel "Monopoly" ohne Spielregeln vor - dann haben wir das heutige Weltwirtschaftssystem vor Augen. Vielleicht sollte also jemand ein "Monopoly" beim G8-Gipfel einschleusen und den Beteiligten erklären, wie es funktioniert.

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