"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Uiguren sind weltoffen - wir sind es wahrlich weniger" (Von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 8.7.2009

Graz (OTS) - Wir haben ein Herz für Minderheiten. Ist ja klar. Erschüttert zeigen wir uns über die Lage unterdrückter Völker und leiden mit ihnen mit. Wir spenden fleißig und tragen sogar einen kleinen Sticker an unseren Taschen: Free Tibet. Doch dann ist da noch diese Sache mit den Uiguren. An sich gleichen sich die Bilder. Vergangenes Jahr die Tibeter, jetzt die Uiguren. In China entlädt sich einmal mehr der Frust einer Minderheit in Krawallen. Doch selbst wenn sich die Bilder gleichen, die Stärke der Gewalt ist es nicht. Die Exzesse, die sich in der Region mit dieser muslimischen Minderheit abspielen sind ungleich gewalttätiger. Und wir fühlen, anders als bei den armen, unterdrückten gewaltfreien Tibetern -nichts. Oder wenigstens nicht so viel wie bei den Bildern der Mönche und dem ewig präsenten Dalai Lama.

Er ist das für uns Europäer das Sinnbild für den Gewaltfreien Kampf gegen eine übermächtige Staatsgewalt. Eine ganze Generation identifiziert sich mit seinen Idealen.

Das Bild der unterdrückten, armen, wehrlosen uigurischen Minderheit passt hingegen nicht so recht in unser Klischee-Raster der selbst unterdrückenden, latent gewaltbereiten, muslimischen Welt.

Als muslimisches Turkvolk genießen die Uiguren daher keineswegs vergleichbare Sympathien wie die buddhistischen Tibeter mit ihrem weltweit angesehenen religiösen Oberhaupt. Uiguren? Von denen sitzen doch auch welche in Guantanamo. Der Name des muslimischen Turkvolkes weckt bei den meisten in unseren Breitengraden - wenn überhaupt -eine Assoziation mit der radikalen Gruppe in dem US-Gefangenlager. Im Zusammenhang mit der Verteilung der Häftlinge tauchte immer wieder die uigurische Gruppe auf, die niemand haben wollte. So haben rund 20 Menschen, die die US-Armee in Afghanistan aufgelesen und ohne Anklage in Kuba festgehalten hat, unser Bild von den Uiguren geprägt. Dass in diesem Zusammenhang von einer aus Peking geführten Kampagne die Rede war, die diese Festnahme als Argumentationshilfe für ihren Kampf gegen die Uiguren verwendet, verschweigen wir schnell.

Ja, die Uiguren sind Mulisme. Aber sie sind weltoffen und liberal. Es wird Wein angebaut und getrunken. Die Frauen bewegen sich weitgehend unverschleiert. Dass wir unser Bild eines ganzen Volkes von einer kleinen radikalen Gruppe ableiten - zudem ein Bild, das von einem diktatorischen Regime gefördert wird - sollte uns über unsere Weltoffenheit zu denken geben. Auch und vor allem uns Medien.****

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