DER STANDARD-Kommentar "Kirche trifft Zeitgeist" von Conrad Seidl

"Der Papst legt ein ökosoziales Programm vor, vermeidet aber, konkret zu werden" - Ausgabe 8.7.2009

Wien (OTS) - In liebevoller Rücksichtnahme lebt es sich für alle besser als in einem egoistischen Einzelkampf, in dem jeder nur den eigenen Vorteil maximieren will. Das ist die Kernbotschaft der Enzyklika Caritas in veritate, die der Heilige Vater ausgerechnet zum Auftakt des Weltwirtschaftsgipfels an seine Kirche und an "alle Menschen guten Willens" gerichtet hat.
Nicht dass diese päpstliche Mahnung so besonders neu und überraschend wäre. Man könnte sie in allerlei Variationen aus den meisten Sonntagspredigten heraushören. Wenn man denn hinginge.
Aber der Besuch des Sonntagsgottesdienstes ist aus der Mode gekommen. Auf die Kirche zu hören erst recht.
Das war 1891 noch anders, als sich Leo XIII. mit Rerum novarum_an die Christenheit gewandt hat: Da hatten nicht zuletzt die Unternehmer die Hoffnung, dass die Kirche einen Weg weisen würde, der die Klassengegensätze zu überwinden helfen würde. Die erste Sozialenzyklika mahnte dann auch zur Abkehr vom Liberalismus einerseits und vom Klassenkampf andererseits. Sie forderte einen gerechten Anteil der Arbeitnehmer am geschaffenen Mehrwert und überhaupt eine menschenwürdige Behandlung für jene Menschen, die reine Lohnsklaven waren. Tatsächlich hat sich dann einiges verbessert, speziell in den hochentwickelten Ländern.
Sieben Sozialenzykliken später gibt es aber einige der von Leo XIII. be_klagten Phänomene immer noch, auch wenn sie sich heute nicht mehr alle mitten in unserer Industriegesellschaft zeigen. Caritas in veritate ist eine Botschaft, die an eine globalisierte Welt gerichtet ist: Sie spricht die Ausbeutung von Rohstoffen ebenso an wie die Ausbeutung von Menschen. Sie verweist auf die Sorgen der Langzeitarbeitslosen in der Ersten Welt ebenso wie auf die Hungerlöhne, die den Arbeitern in den unterdrückten Gebieten der Erde gezahlt werden. Und sie beklagt die Folgen eines unregulierten Finanzwesens.
Das passt sehr gut in unsere von Globalisierungskritik und Marktskepsis geprägte Zeit. Doch muss man genauer hineinlesen: Der Papst ist kein Gegner der Globalisierung, er hält sich mit der Schelte von irregeleitetem Unternehmertum und Kritik an marktwirtschaftlichen Prinzipien zurück.
Er verlangt aber, zu einem menschengerechten Wirtschaftssystem zu finden: Es ist ein Konzept der ökosozialen Marktwirtschaft, das der Enzyklika zugrunde liegt: Da geht es um den Ausgleich zwischen Nord und Süd, um das Menschenrecht auf eine saubere Umwelt, insbesondere ein sauberes Wasser. Und immer wieder um die Verantwortung jener, die Besitz und Entscheidungsfreiheit gewonnen haben für jene, die das eben noch nicht haben.
Wie man all das zusammenführen könnte? Der Papst entwickelt die Vision einer gerechten Weltregierung, lobt die Teilhabe von Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen - und stellt dem das Versagen der Finanzmärkte, den gesellschaftverachtenden Egoismus einzelner Manager und die Verantwortungslosigkeit einiger Politiker gegenüber.
Freilich: Wie man dem Guten in der Praxis zum Durchbruch verhelfen kann, das kann auch der Heilige Vater nicht sagen. Zwar spricht er positive Beispiele - zivilgesellschaftliches Engagement, internationale Solidarität und Mikrokredite für Kleinstunternehmer -an, er betont aber auch, dass es letztlich an den Persönlichkeiten liegt: "Ohne rechtschaffene Menschen, ohne Wirtschaftsfachleute und Politiker, die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl ausdrücklich leben, ist die Entwicklung nicht möglich."
Das wäre in guten Zeiten als nette Randbemerkung einer veralteten Institution abgetan worden. Im Moment aber könnte der Papst Gehör finden.

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