"KURIER"-Kommentar von Reinhard Göweil: "Eine Gießkanne als weltpolitische Autorität"

Beim G-8-Gipfel sollte sich die Welt neu erfinden. Sie tut es aber nicht.

Wien (OTS) - Den wunden Punkt schrieb der Papst gleich selbst in seine Streitschrift gegen rücksichtsloses Profitstreben, genannt "Die Liebe in der Wahrheit": "Ohne rechtschaffene Menschen, ohne Wirtschaftsfachleute und Politiker, die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl ausdrücklich leben, ist die Entwicklung nicht möglich."
Dass die päpstliche Enzyklika einen Tag vor Beginn des Treffens der mächtigsten Politiker der Welt im italienischen L'Aquila erschien, ist ein erstaunliches Timing. Normalerweise denkt der Vatikan ja eher in Jahrhunderten. Für Moral und Ethik, gegen Ausbeutung und Hunger - dagegen lässt sich schwer argumentieren. Die beim Gipfel anwesenden Regierungschefs werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnliche Worte finden, einige werden den Papst lauthals loben (am lautesten vermutlich Italiens Regierungschef Berlusconi, der in einen neue Callgirl-Affäre verwickelt ist). Darüber hinaus gilt, was der Papst selbst auch feststellt: Ohne rechtschaffene Menschen wird sich die Welt nicht zum Besseren wenden. Aber selbst wenn man den mächtigen (und weniger mächtigen) Politikern der Welt unterstellen würde, dass sie stets das Gemeinwohl im Auge haben, muss das päpstliche Ansinnen scheitern. Denn die Politiker (beziehungsweise die Steuerzahler der Welt) retten zwar gerade die krisengeschüttelte Weltwirtschaft, mitzureden haben sie aber wenig.

Zockerei geht weiter Noch sind wir weit entfernt vom Ende der Krise, aber die Zockerei geht schon wieder los: Beim Ölpreis, aber auch bei den agrarischen Rohstoffen (also Lebensmittel) regiert bereits wieder die Spekulation. Als ob es 2008 nie gegeben hätte, überlässt die Welt den Großteil ihrer Ressourcen bereitwillig einigen Händlern.
Die Eindämmung solch spekulativer Praktiken steht zwar am Speiseplan jeder Politiker-Rede zur Finanz- und Wirtschaftskrise, umgesetzt wurde bisher wenig. Beispiel gefällig? Die US-Investmentbank Goldman Sachs plant für 2009, ihren Händlern Bonuszahlungen in Höhe von 20 Milliarden Dollar auszuzahlen. Die US-Regierung unter Präsident Obama rettete gerade das gesamte US-Bankensystem mit mehreren Hundert Milliarden Dollar Steuergeld. So lange sich Rechtschaffenheit so ausdrückt, wird der Papst als moralische Autorität zwar anerkannt bleiben, sie bleibt aber folgenlos. Also werden die mächtigsten Politiker ihr schlechtes Gewissen mit Geld beruhigen: 12 Milliarden Dollar an Hungerhilfe für die am stärksten betroffenen Länder sollen fließen.
Das ist wunderbar, aber wenn die finanzielle Gießkanne zur höheren Autorität als der Papst erhoben wird; wenn Goldman-Sachs-Banker in Geld baden dürfen, während selbst in den USA die Armut steigt, so lange haben Gipfeltreffen wie jenes in L'Aquila keinen Sinn. Politiker sind wichtig, aber die notwendige Rechtschaffenheit entsteht in der Wirtschaft selbst. Deren Vertreter sind aber nicht dort.

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