"Dem Papst geht es um den 'Mehr-Wert' ... (3)

Landau: "Breite Analyse"

Der Wiener Caritasdirektor Msgr. Michael Landau machte bei der Pressekonferenz auf die "breite Analyse gesellschaftlicher Herausforderungen" in der Sozialenzyklika aufmerksam. Die Enzyklika setze sich "umfassend und intensiv" mit aktuellen wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Fragestellungen auseinander und richte sich dabei sehr klar "an alle Menschen guten Willens", sagte Landau.

So übe der Papst in seinem Lehrschreiben sehr präzise Kritik an ungerechten Strukturen in der Wirtschaftsentwicklung, betone die steigende Rolle der Zivilgesellschaft und analysiere die ethischen Anforderungen an eine Neuordnung vor allem der Finanzwirtschaft. Erfreut zeigte sich der Caritasdirektor auch über die Worte des Papstes zu den Herausforderungen von Armut und Arbeitslosigkeit. In der Enzyklika würden auch neue Fragestellungen aufgegriffen wie die weltweiteEnergieproblematik oder die Ausbeutung der Rohstoffe der armen Länder.

Das päpstliche Lehrschreiben enthalte keine "platte Globalisierungskritik", stellte Landau klar. Die Globalisierung "ist a priori weder gut noch schlecht. Sie wird das sein, was die Menschen aus ihr machen", zitierte der Caritasdirektor aus der Sozialenzyklika.

Die Enzyklika weise auch klar darauf hin, dass der Bereich der Wirtschaft von ihrem Wesen her nicht antisozial sei, betonte Landau. "Der Bereich muss aber, gerade weil er menschlich ist, nach moralischen Gesichtspunkten strukturiert werden", forderte der Wiener Caritasdirektor. In der Debatte müssen man sich vor dem "Straßengraben blinder Wirtschaftsangst" genauso hüten wie vor dem "Straßengraben blinden Wirtschaftsglaubens".

Die Kirche setze auf eine umfassende Entwicklung des Menschen in einer Gesellschaft auf dem Weg zur Globalisierung, so Landau. Als "unerlässliche" Orientierungsmaßstäbe für das konkrete Handeln stelle Benedikt XVI. daher die Begriffe "Gemeinwohl" und "Gerechtigkeit" in das Zentrum seiner Ausführungen.

Enzyklika für Debatte in Österreich nützen

Der Caritasdirektor rief dazu auf, die Sozialenzyklika auch in Österreich als Basis für eine notwendige "Diskussion der Prioritäten und Ziele in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft" zu betrachten. Es brauche auch in Österreich eine "Repolitisierung der Politik" und eine Auseinandersetzung mit den großen Fragen der gemeinsamen Zukunft und des Zusammenlebens.

Die päpstlichen Plädoyers zu den Themen Entwicklungszusammenarbeit (EZA), Armut und Arbeitslosigkeit legte Landau auf die Situation in Österreich um. Während etwa der Papst in seinem Schreiben die Bedeutung der Entwicklungshilfe hervorhebe, würde in Österreich und Europa in diesem Bereich eingespart. Landau erneuerte auf diesem Hintergrund die Forderung an die Bundesregierung, bis zum Jahr 2015 die staatlichen EZA-Mittel auf 0,7 Prozent des Bruttonationalprodukts anzuheben. Landau: "Gerade heute gilt: Wer rasch hilft, der hilft doppelt".

Basierend auf der Würde jedes Menschen und den Erfordernissen der Gerechtigkeit müsse im Bereich des Arbeitsmarktes auch weiterhin erstes Ziel sein, "allen Menschen Zugang zur Arbeit zu verschaffen", sagte Landau. Den Kampf gegen Arbeitslosigkeit und damit einhergehende Armut möchte der Caritasdirektor "ganz oben auf der politischen Agenda" wissen. Hier erinnerte Landau an die Caritas-Forderung nach einem "dritten Konjunkturpaket für die sozial Schwächsten" und die raschestmögliche Umsetzung einer bedarfsorientierten Mindestsicherung in Österreich. Die Bundesregierung dürfe in der aktuellen Not nicht nur für Banken und Unternehmen Notfallpakete schnüren. Dies sei keine Frage von Ideologie, sondern von Gerechtigkeit und Solidarität.

"Kirche ist weder links noch rechts"

Landau betonte, dass diese Forderungen der Kirche ihre Basis im Evangelium und damit jenseits parteipolitischer Kategorien hätten. Landau: "Die Kirche und die Caritas als Teil der Kirche sind weder links noch rechts. Es geht nicht um politische Gesinnung und nicht um Ideologie, sondern um 'Caritas in veritate - Liebe in Wahrheit', um Gerechtigkeit und Gemeinwohl, um Solidarität - "und dass wir wieder stärker aufeinander achten und als Menschen füreinander da sind".

(forts. mgl.)
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