Rehor: Konsequenz aus Finanzkrise - Vorsorge: Plan allein genügt nicht

Legenden entzaubern, Portfolios differenziert steuern, Beratung noch stärker fokussieren

Wien (OTS) - 6.7.2009, "Die erste Säule der Pensionsvorsorge, die staatliche Pension, wird zur Absicherung des gewohnten Lebensstandards nicht reichen. Das hat sich auch nach der Finanzmarktkrise nicht geändert", so Dr. Gerhard Rehor, Vorstandsdirektor der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien.

Entscheidend bei der ersten Säule, der staatlichen Pension, ist, dass aufgrund der demographischen Entwicklungen und aufgrund der budgetären Situation notwendige Veränderungen außer Zweifel stehen. Drei "Schrauben, an denen gedreht werden kann", orten Experten:
Beitragshöhe, Pensionsantrittsalter und Pensionshöhe

Für Rehor ist die Tendenz eindeutig: "Egal welche Regierung die nächste Pensionsreform in Angriff nimmt - und das ist nur eine Frage der Zeit - am wahrscheinlichsten ist der Ansatz das Pensionsantrittsalter abzuändern."

Zur Umsetzung dieses Zieles in einem Zeitraum von zehn Jahren wären flexible Pensionseintrittsmodelle notwendig. Voraussetzung dafür wäre u.a. der Anreiz länger im Berufsleben zu bleiben und den Erfahrungsschatz an Jüngere weiterzugeben - das zwar bei weniger Wochenstunden, aber auch mit weniger Gehalt. Wer trotzdem früher in Pension geht, wird auch mit Abschlägen rechnen müssen - und zwar höheren, als bisher üblich. Beides spricht für die Notwendigkeit zusätzlicher Vorsorge, egal ob in Form der Betrieblichen oder der Privaten Vorsorge.

"Aber für die Absicherung von Lebensqualität und (falls notwendig) Pflegebedarf braucht es mehr als einen statischen, einmal umgesetzten Anspar-Plan!", so die klare Position von Rehor.

"Die Finanzmarktkrise hat in manchen Vorsorgemodellen für Kunden empfindliche Verluste gebracht, die teilweise nicht mehr aufzuholen sind", analysiert Rehor. "Für die Betroffenen ist das enttäuschend und bitter - die Ursache war nicht so selten der Glaube an vermeintlich unverrückbare Grundregeln der Finanzmärkte, die sich allerdings - im Rückblick - als falsch erwiesen haben."

Cost Average sichert nicht automatisch Ertrag

Die These lautete: Mit gleichbleibender Ansparrate werden bei hohen Kursen weniger, bei niedrigen Kursen entsprechend mehr Anteile erworben - am Ende steht der hohe Kursgewinn über die gesamte Laufzeit.

Dieser sogenannte Cost Average Effekt muss sehr differenziert betrachtet werden, ist eine der Konsequenzen des Finanzmarktexperten. "In der ersten Phase eines Ansparplanes macht das 'Ja' zum Risiko durchaus Sinn, in der zweiten Hälfte kann der Effekt aber mögliche Verluste auf das Kapital nicht mehr ausgleichen", so Rehor.

Die Lehre aus 2008: "Cost Average ist nicht automatisch ertragreich, kann sogar gefährlich sein, der späte Verlust ist nicht mehr aufzuholen. Das bedeutet: In der Beratung ist individuell zu klären, wann das Risiko in der Ansparphase zurückgenommen werden muss. Rehor: "Individuelle Beratung, kontinuierliches Beobachten der Vermögensentwicklung, das Jahresgespräch in der Bank - das beugt Verlusten vor."

Generell soll bei der Privaten Vorsorge das Risiko auf die Lebensphase abgestimmt werden. In einer ersten Ansparphase darf - mit Blick auf den Cost Average Effekt - relativ hohes Risiko übernommen werden. "Danach empfehlen wir individuell zu bewerten, wie stark das Kapital abgesichert werden soll", so Rehor. Als Richtwert für eine Umorientierung nennt Rehor, "wenn die Standardabweichung der Kapitalveranlagung die Höhe einer Jahresrate erreicht."

Rechenbeispiel:

Raiffeisen Dachfonds Wachstum, Standardabweichung 14 % p.a., das heißt: mit 95% Wahrscheinlichkeit ist ein Jahresverlust kleiner als 28 % des Kapitals oder als zwei Jahresraten.

Ist jedoch die Jahresrate kleiner als 14 % des angesparten Kapitals, soll das Risiko reduziert werden. "In diesem Fall empfehle ich z.B. nicht mehr in den Wachstumsfonds, sondern in den Sicherheitsfonds, mit einer Standardabweichung von 5,13 % p.a. weiterzusparen. Die Sparraten sollten mit der Inflationsrate valorisiert werden.

Zukunftsvorsorge NEU - weniger Aktienanteil

Bei der Zukunftsvorsorge NEU, der staatlich geförderten Pensionsvorsorge, sieht Rehor bereits den Trend zu richtigen Konsequenzen bei der Politik. Hier ist zu erwarten, dass der gesetzlich festgeschriebene Aktienanteil von derzeit 40% entsprechend reduziert wird.

"Ich begrüße alle Schritte in diese Richtung", so Rehor. Er erinnert an die Entstehung dieser Form der Zukunftsvorsorge: "Damals hat man den Versuch unternommen, zwei Probleme zu lösen. Zum ersten sollte durch den hohen Aktienanteil der österreichische Kapitalmarkt angekurbelt werden. Zum zweiten sollte die private Vorsorge gefördert werden. Diese Ziele gerieten in einen Konflikt zulasten der stabilen Vorsorge. Gehalten hat die Garantie des eingezahlten Kapitals und der Prämien.

Dass die Garantie nun auch in Diskussion ist, hält Rehor für falsch. "Ich bin strikt gegen eine Aufhebung der Garantie. Das wäre so, als ob ein Sicherheitsnetz, das ich gerade gebraucht habe, abmontiert wird!"

Immerhin haben in Österreich bereits 1,4 Mio. Menschen mit diesem Produkt für ihre private Vorsorge angespart - und viele wegen der Garantie.

Das Ende von "buy and hold"?

"Der Zehn-Jahres-Zauber der Aktien ist verloren gegangen", so die nüchterne Bilanz von Rehor. "Ein alter Grundsatz gilt nicht mehr, nämlich: Die "Buy-and-Hold Strategie bringt bei einem langfristigen Anlagehorizont einen Mehrertrag gegenüber risikolosen Anlageformen".

Auch hier gibt es Konsequenzen für die Beratungspraxis, das hat Konsequenzen für Fondsmanager, das hat natürlich auch Konsequenzen für Pensionskassen.

"Gerade in einem Aktienportfolio ist die aktive Positionierung entscheidend", so Rehor. Er empfiehlt daher: "Orientieren Sie sich an der Zukunft und nicht an vergangenen Entwicklungen!" - Konkret regt er eine "Szenariotechnik" an, "z.B. ein Portfolio mit den fünf glaubwürdigsten Mega-Trends der nächsten drei bis fünf Jahre."

Die notwendige Ergänzung zur Vorsorge mit Wertpapieren ist eine "lebenslange Rente". Nur sie deckt das sogenannte "Langlebigkeits-Risiko" (so nennen Versicherungsmathematiker den Effekt, wenn Menschen, die mit einem besonders langen Leben gesegnet sind, das angesparte Geld ausgeht).

Rehor empfiehlt dieses Risiko mit einer "aufgeschobenen Rente" abzudecken, die billliger kommt. Nachteil, wie bei jeder Rentenversicherung ohne Prämienrückgewähr mit dem Ableben des Versicherten ist das Geld weg.

Pensionskassen - notwendige Revisionsphase

"Die Pensionskassen können ein effizientes und taugliches Instrument im Rahmen der persönlichen Vorsorge sein, nur sollen die Rahmenbedingungen vom Staat entsprechend verbessert werden!", sieht Rehor die Pensionskassen aktuell "in einer notwendigen Revisionsphase". Der aktuelle Reformdruck gegenüber dem Pensionskassensystem ergibt sich aus dessen Kinderkrankheiten. Betroffen sind 570.000 ÖsterreicherInnen.

Kinderkrankheiten aus den 90ern sind die Ursachen für die Verluste heute

Die Geburtsstunde der Pensionskassen fällt in den Anfang der 90er-Jahre, eine mit "Reagonomics" lange andauernde Boomphase. Diese hohen Ertragserwartungen waren auch Basis für die Berechnungen der Pensionskassen.

Ein spezifisches Problem der österreichischen Betriebspensionen sind Altverträge mit sehr hohen Rechnungszinsen. Mit dem Rechnungszins werden die zu erwartenden Pensionsleistungen bzw. die dafür notwendigen Beiträge errechnet. Der Rechnungszins ist aber kein garantierter Wert, sondern eine rechnerische Hilfsgröße.

Erwirtschaftet die Pensionskasse genau diesen Prozentsatz, bleibt die Pensionshöhe gleich. Wird ein niedrigerer Ertrag erwirtschaftet (2008: minus 12,9%), kommt es zu Pensionskürzungen. Aufgrund der hohen Erträge an den Märkten wurden Rechnungszinsen in der Pensionsvereinbarung in den 90er-Jahren sehr hoch, mit bis zu 6,5 Prozent, festgesetzt. Das entspricht aber nicht den realen Entwicklungen. Im Jahr 2003 hat die Finanzmarkaufsichtsbehörde mit einer Verordnung den Rechnungszins für neue Veranlagungs- und Risikogemeinschaften mit 3,5 % begrenzt. - Bis dahin gab es aber bereits 400.000 Anwartschafts- und Leistungsberechtigte.

Trends bei Pensionskassen - Durchlässigkeit der Systeme muss Vorrang haben

Aktuell gibt es daher folgende Trends: Als "dringend und vorrangig" bezeichnet Rehor "die Novellierung des Pensionskassengesetzes, das etliche der 'Jugendsünden' beheben soll". Zum Beispiel: Ermöglicht werden soll der bereits beschriebene niedrigere Rechnungszins auch für Neueintretende in Altverträge zur Sicherstellung einer gleichmäßigen Pensionsentwicklung oder das "Lebenszyklusmodell"(regelt die Höhe des Aktienanteils abhängig von Lebensalter).

Für Rehor ist die andiskutierte "größere Durchlässigkeit zwischen den Systemen der wesentliche Faktor für Sicherheit und nachhaltigen Erfolg dieser Form der Vorsorge".
Dabei geht es um die Wahlfreiheit der Mitarbeiter zwischen Pensionskasse und Kollektivversicherung. Dadurch kann eine individuell richtige Risiko- bzw. Garantie-Dosis ermöglicht werden. Also z.B. auch Ansparen in beiden Produkten oder teilweiser Wechsel von der Pensionskasse in die Betriebliche Kollektivversicherung-diese hat den Vorteil einer garantierten Mindestverzinsung und einer Gewinnbeteiligung.

Kunden interessieren sich neben dem Sparbuch wieder für andere Anlageformen

2008 hatte man den Eindruck: Die Anleger wollen nur noch das Sparbuch. Rehor: "Der Blick in die Beratung zeigt aber in den letzten Monaten, dass die Zinsentwicklung die Kunden neben dem Sparbuch auch wieder zu anderen längerfristigeren Veranlagungsformen greifen lässt:
zum Bausparen, zu Versicherungen und zu Anleihen guter österreichischer Banknamen. Bei uns bedeutet das z.B. 950 Mio. Emissionsvolumen in den ersten sechs Monaten ( - und das ohne Staatsgarantie!)".

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