Küberl: "Das Evangelium ist 'linker' als Marx"

Caritas-Präsident erwartet von Sozialenzyklika "klar formulierten ethischen Imperativ" - "Logik der Gier" durch "Logik der Solidarität" ablösen

Wien, 06.07.2009 (KAP) Einen "klar formulierten ethischen Imperativ" angesichts der Wirtschaftskrise und einer "ungeheuren sozialen Atemnot" erwartet sich Caritas-Präsident Franz Küberl von der Sozialenzyklika Papst Benedikts XVI. "Das Anliegen der Kirche und des Papstes kann nur sein, deutlich zu machen, dass die Menschen nicht nur vor Gott gleich viel wert sind, sondern auch vor allen Menschen. Da liegt im Evangelium ein ungeheurer Anspruch. Das ist 'linker' als Marx", wird Küberl im Nachrichtenmagazin "profil" zitiert. Die kirchliche Position sei nie eine kapitalistische gewesen, aber sie sei für die Marktwirtschaft.

Die Enzyklika könne für die Kirche ein Instrument des Dialogs in Richtung Politik und anderen Religionsgemeinschaften sein, betonte Küberl. Es sei "nicht undenkbar", dass die Weltreligionen gemeinsame Positionen in Sachen Gerechtigkeit vertreten.

Die katholische Kirche ist selbst der älteste "global player" der Welt, erinnerte der Caritas-Präsident. Das bringe auch eine Verpflichtung mit sich. Ein wuchtiges Wort aus der ersten Enzyklika Benedikts XVI. verweise auf den großen nordafrikanischen Kirchenvater Augustinus: Ein Staat, der nicht für Gerechtigkeit sorgt, ist nichts anderes als eine Räuberbande.

Bankensystem "aus dem Ruder"

Massive Kritik übte der österreichische Caritas-Präsident in dem Interview am Bankensystem, das "in Teilen aus dem Ruder gelaufen ist und sich von seiner eigentlichen Bestimmung weit entfernt hat". Wegen der Belastung der Staatshaushalte durch die Sanierung wären zudem die Auswirkungen der Krise auf die Demokratie "noch gar nicht abschätzbar".

Notwendig sei die Ablösung der "Logik der Gier" durch die "Logik der Solidarität", erinnerte Küberl an eine der zentralen Forderungen Benedikts XVI. für die Zukunft des Wirtschaftens; dies werde offensichtlich auch eine "Grundmelodie" der Sozialenzyklika sein. Küberl: "Ich denke, dass Spekulation und die dahinterliegende 'Gier nach mehr' dem ethischen Gerüst der katholischen Kirche zuwiderlaufen. Wobei Gier nicht nur Einzelpersonen zugeschrieben werden soll, es gibt auch strukturelle Gier. Denken wir nur an den Waffenhandel".

Befragt nach dem Missverhältnis zwischen "astronomischen Managergehälter und Hungerlöhnen" mahnte der Caritas-Präsident den Blick auf jene Menschen ein, die zu wenig zum Leben haben. Für Österreich verlange das Solidaritätsprinzip die Einführung der geplanten Mindestsicherung. Allerdings sei es "nicht Auftrag der katholischen Kirche, eine Gehaltspyramide aufzustellen", so Küberl wörtlich: "Aber niemand kann etwas ins Jenseits mitnehmen".

Auf die Frage nach der Haltung der katholischen Soziallehre zu Vermögenssteuern sagte Küberl: "Auf Einzelheiten der Besteuerung kann sich eine Enzyklika nicht einlassen". Der Heilige Augustinus sage aber: "Die Reichen können nur überleben, wenn die Armen auch überleben können". Persönlich hält es der Caritas-Präsident für falsch, "dass in Österreich die Erbschafts- und Schenkungssteuern abgeschafft wurden".

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