"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Wie man eine Tragödie gebiert" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 3. Juli 2009

Innsbruck (OTS) - Im Internet wurde Michael Jackson betrauert,
bevor er für tot erklärt war.
Alle Welt trauert um Michael Jackson? Der Schein trügt. Eigentlich schaut sich die Menschheit seit einer Woche selbst bei der Geburt der Tragödie aus dem Geist der Zeit zu - lustvoll erregt in der kollektiven Emotion und fasziniert von der Fähigkeit zur sozialen Selbstbefruchtung.Michael Jackson war im Leben und ist im Tod der ideale Protagonist einer solchen Übung. Diese Existenz mit ihren atemberaubenden künstlerischen Höhen und den schwindelerregenden menschlichen Abgründen war lückenlos elektronisch dokumentiert, also ein Selbstläufer in der posthumen Verwertung durch alte Massenmedien wie Fernsehen und Radio und neue Instrumente wie Twitter. Seit er fünf Jahre alt war, lieferte Jackson freiwillig und unfreiwillig Tausende in jeder Hinsicht einprägsame Bilder. Und den Sound der Achtzigerjahre: hoch energetisch, hoch artifiziell, schnell, aggressiv, cool - und ausgestattet mit neuen Möglichkeiten, ein uniformiertes Gefühl massenhaft weltweit zu vertreiben, vom Walkman bis zur Erfindung der CD und des Videoclip-Fernsehens. 20 Jahre und diverse Technologie-Revolutionen später versichern wir einander via sozialer Internet-Foren unseres gerade aktuellen Lebensgefühls. Im Internet wurde schon exzessiv um Jackson getrauert, als er noch gar nicht für tot erklärt war. Das heißt nicht, dass die Blogger mehr wussten als die Journalisten. Das heißt nur, dass sie sich vom Tsunami überrollen ließen, bevor er überhaupt den Strand erreichte. Mittlerweile füllen Fans, die sich die banale Wirklichkeit - Tod durch Medikamentensucht - nicht zumuten wollen, die Kanäle des virtuellen Wissens mit wüsten Mord-Spekulationen. Hier stößt der Bürgerjournalismus unsanft an seine Grenzen. Aber der Unterhaltungswert immerhin ist weiter ausbaufähig.

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