"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Gerechtigkeit für Eva G.!, von RAINER NOWAK

Ausgabe vom 28.06.2009

Wien (OTS) - Die Grünen sind mit sich beschäftigt. Eva Glawischnigs Karenzvertretung könnte sich an den Job gewöhnen. Und notfalls muss Alexander Van der Bellen herhalten. Der ist schließlich schuld.

Wer solche Feinde hat, kann kein schlechter Mensch sein. Wer wie Eva Glawischnig ständig von Parteifreunden und ebenso reifen Zeitungskommentatoren angegriffen wird, muss doch etwas haben. Zumindest die Ehre, über so viele Feinde zu verfügen.

Was macht Glawischnig, was diese Herren so stört? Nichts, könnte man antworten, und das auch noch ohne Debatte und Strategie. Und Eva Glawischnig einfach den weiblichen Werner Faymann nennen - mit schönerer Stimme und ohne Hans Dichand als bösen Onkel. Außerdem stecken doch beide in derselben bequem hoffnungslosen Situation: Mit ihnen hat die Partei nichts zu gewinnen, aber ohne sie geht es mangels personeller Alternativen auch nicht. Doch genau genommen hat es Glawischnig noch viel schwerer als ihr Kollege von der SPÖ: Ihr fehlt nicht nur ein Alfred Gusenbauer als Vorgänger, um ein bisschen besser dazustehen. Ihr Übervater heißt auch nicht Dichand, sondern Van der Bellen, und der ist viel schwieriger zu bewältigen.

Es war Alexander Van der Bellen, der den grünen Nihilismus erfand. Anfangs als Pragmatismus und sympathische Ehrlichkeit beklatscht, ersparte sich Van der Bellen allzu viele inhaltliche Festlegungen oder gar programmatische Diskussionen, wofür seine kleine Partei denn nun stehe. Es war Alexander Van der Bellen, der Führung mit gutem Zureden verwechselte. In seiner Ära konnten es sich Abgeordnete wie Kurt Grünewald in ihren Bankreihen so gemütlich machen, dass zentrale grüne Themen wie etwa die Bildungspolitik kampflos den größeren Parteien überlassen wurden. Es war ihm zu verdanken, dass die Kluft zwischen einer schwierigen Basis, einer inhomogenen Wählerschaft und einer abgeschottet-abgehobenen Führung immer größer wurde. Mit Van der Bellen verabschiedete sich dann noch der eine oder andere Stratege, seither sitzt Glawischnig allein im inneren Kreis. Um nicht falsch verstanden zu werden: Alexander Van der Bellen war und ist der sympathischste Politiker Österreichs - der Professor für Geografie und Wirtschaftskunde, den man nie hatte.

Oder der Bundespräsident, der uns bisher auch nicht abging. Da passt es gut, dass Glawischnig in ihrer inhaltlichen Not das akademische Schlachtross noch einmal in die Schlacht schicken will - bevor sie an die Karenzvertretung Maria Vassilakou übergibt, der der Ferialjob sicher mehr Spaß macht als die Mühen der Wiener Bezirksebene. Als Hofburg-Kandidat könnte Van der Bellen das volle Grün-Wähler-Potenzial ausschöpfen und Heinz Fischer im ersten Wahlgang derart in Bedrängnis bringen, dass dieser als Verlierer in die Stichwahl gegen einen Erwin Pröll geht - und unterliegt. Und wenn Dichands interessanter Zustand weiter anhält, wird ihm vielleicht irgendwann der Satz entweichen, dass Glawischnig doch eine - er würde wohl diktieren: "charmante" - Juniorpartnerin für Kanzler Fröllmann wäre. Oder für einen von denen. Und dass sie sich doch immer um Babys und Tiere gekümmert habe. Dann hätten es die Grünen geschafft. Sie wären am Ziel der Van der Bellen'schen Träume. Am Ende.

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