"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Bettler, die Würde und die persönliche Verantwortung" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 26.06.2009

Graz (OTS) - In Graz gibt es viele Bettler und viele Bürger, die das stört. Dass viele Bittsteller nicht von hier sind, macht ihre Lage nicht einfacher. Wenn sie auch noch körperlich behindert sind, brechen alle Dämme.

Dass Bettler stören, ist verständlich. Sie führen vor Augen, was sonst nicht zu sehen ist: drastische Armut. Sie sind eine stumme Aufforderung, etwas herzugeben. Vorbeizugehen ist anstrengend. Ihr Anblick zwingt uns, Haltung zu beziehen. Man muss aktiv entscheiden:
gebe ich etwas oder weise ich die Bitte ab - und sei es nur durch Wegschauen. Dann bleibt ein schaler Nachgeschmack, ein Anflug von schlechtem Gewissen.

Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Ablehnung der Bettler sei ein Zeichen von Gewissenlosigkeit. Es ist wie im Witz vom reichen Mann, zu dem ein Bettler vordringt. Entrüstet sagt er zu seinen Dienern:
"Werft ihn hinaus, er bricht mir das Herz". Wem Elend das Herz brechen kann, der hat immerhin eines.

Der Vorschlag des Grazer Bürgermeisters Siegfried Nagl erinnert an den reichen Mann. Gebt ihnen nichts, dann kommen sie nicht mehr, schlägt er vor. Seine Argumente klingen ganz einleuchtend. Es sei besser, Hilfsorganisationen zu unterstützen, die den Bedürftigen gezielt helfen, besser auch, den Leuten zu Hause unter die Arme zu greifen, damit sie nicht herkommen müssen.

Was er sonst noch sagt, von Gesetzesverschärfung und Härte, ist verfrühtes Wahlkampfgetöse und wird an der Lage in Graz nicht viel ändern. Niemand hindert die Polizei daran, schon heute gegen ausbeuterische Bettlerorganisationen vorzugehen. Man muss das nur beweisen können, und das ist bisher nicht gelungen. Daran wird auch ein schärferes Gesetz nichts ändern, wie es die ÖVP nun fordert.

"Kein Gesetz und auch kein Sozialstaat können die persönliche Verantwortung ersetzen, ob mir die Würde auch solcher Menschen tatsächlich am Herzen liegt", sagt Caritas-Direktor Franz Küberl. Das ist ein interessanterer Ansatz. Küberl, dessen Organisation viel tut, um Menschen allerorten zu helfen, ist frei von der Illusion, Elend könnte durch emsige Weltverbesserung irgendwann gänzlich abgeschafft werden. Der Verweis auf die Hilfe, die andere den Bettlern anderswo leisten sollten, ist für ihn ein Entlastungsangriff, der das Thema verfehlt.

Uns gibt das die Handlungsfähigkeit wieder. Statt passiv vom Bürgermeister zu erwarten, dass er das Ärgernis aus dem Blickfeld räumt, statt sich zu entrüsten, wenn er es nicht schafft, schlägt Küberl vor, hinzuschauen. Schon wegen der eigenen Würde.****

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