"KURIER"-Kommentar von Josef Votzi: "Bitte mehr Politik auf Kindergarten-Niveau"

Die Vorschulpflicht für Fünfjährige macht Hoffnung auf einen Reform-Ruck.

Wien (OTS) - Die 183 Abgeordneten des Parlaments brachten gestern einen Meilenstein ins Rollen: Ab Herbst 2009 ist der Kindergarten für alle Fünfjährigen gratis, im Jahr darauf wird er auch bundesweit ein Muss für alle. Damit gibt es ab dem Schuljahr 2011/’12 praktisch eine Art Vorschulpflicht für Fünfjährige. Der Gratis-Anreiz samt der Pflicht-Rute im Fenster macht einen ambitionierten politischen Plan möglich: Es soll in drei Jahren in Österreichs Volksschulen kein Kind mehr geben, das nicht über ein paar Grundkenntnisse in Deutsch und im sozialem Umgang mit Gleichaltrigen verfügt.
Ein kleiner Schritt für die Fünfjährigen, ein großer Schritt für Österreichs Parlamentarier: Die Maßnahme auf Kindergarten-Niveau ist im reformresistenten Österreich schon ein Meilenstein. Erst der massive Unmut über zunehmend unhaltbare Zustände in Volksschulen, wo Eltern und Lehrer über gravierende Integrationsprobleme aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse klagten, machte nach jahrelanger Debatte den kleinen Reformschub möglich.
Das erfreuliche Lebenszeichen von lebensnaher Politik sollte für Parlament und Regierung ein Motivationsschub sein, endlich auch die großen Brocken in der Bildungspolitik kraftvoll in die Hand zu nehmen. Wo immer dieser Tage Erwachsene aufeinandertreffen, die Kinder im Schulalter haben, machen Lehrer- und Schulerlebnisse die Runde. Zeugnis- und Schulwechsel-Zeiten geben reichlich Stoff für Leidensgeschichten an einem als starr und unflexibel empfundenem System.
Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht neue Studien über gravierende Mängel im österreichischen Schul- und Bildungssystem publiziert werden. Österreich ist Weltmeister beim "Säftemessen und Bildermachen", befand dieser Tage der scheidende Wiener Krankenkassenchef Franz Bittner über das österreichische Gesundheitssystem. Ein sarkastische Bemerkung, die auch auf das Bildungswesen sehr gut passt.
Nach PISA, PIRL und all den vielen Schüler-Leistungstest liegt nun auch erstmals ein international geeichter Befund auf dem Tisch, der das Selbstbild der Lehrer durchleuchtet. Sie klagen über viele Mängel, sind aber in einem überdurchnittlichen Ausmaß mit ihrer Arbeitssituation zufrieden. Hier liegt ein Schlüssel für die vergleichsweise hohe Unzufriedenheit bei Eltern und Schülern: Die Lehrer haben sich die Schule dank einer übermächtig starken Gewerkschaft so eingerichtet, dass sie sich von allen Schulpartnern immer noch am wohlsten in ihr fühlen.
Es ist hoch an der Zeit, dass die Politik dieses bleierne Ungleichgewicht aufzubrechen beginnt. Nicht mit der Brechstange wie bei der Lehrerarbeitszeit, sondern als Projekt, dem sich die ganze Regierung verschreibt.
Denn nach dem Reform-Schritt für die Allerkleinsten ist zumindest ihnen zu wünschen, dass das am Ende ihrer Schullaufbahn nicht das einzige Reform-Lebenszeichen gewesen ist.

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