"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die Fassade ist eingestürzt" (Von FLORIAN WEISSMANN)

Irans Fundamentalisten können sich nur noch mit Gewalt halten - Ausgabe vom 15. Juni 2009

Innsbruck (OTS) - Die Wahl im Iran gibt zugleich Anlass zur Sorge und zur Hoffnung - je nachdem, wie man die Ereignisse des Wochenendes deuten will. Einerseits nützt das fundamentalistische Establishment ungeniert alle Machtinstrumente, um das Volk in seinem Würgegriff zu halten. Zu diesen Instrumenten gehört allem Anschein nach auch dreiste Wahlfälschung, womit die Fassade einer eingeschränkten Demokratie endgültig eingestürzt ist.

Der Abwehrkampf der Fundamentalisten bedroht aber nicht nur aufgeschlossene Iraner. Sondern er bedeutet auch eine politische Katastrophe für den Westen. US-Präsident Barack Obama hatte sich für den Dialog mit dem Iran starkgemacht; er muss nun seine gesamte Strategie überdenken. Denn erstens bleibt sein Gegenüber wahrscheinlich der Betonkopf Ahmadinejad, und zweitens ist dieser nun nicht einmal mehr halbdemokratisch legitimiert. Dem Westen gehen damit die nicht-militärischen Mittel aus, den Iran vom Bau einer Atombombe abzuhalten.

Allerdings hat auch der "Reformkandidat" Mussawi das Atomprogramm und den Gottesstaat nicht in Frage gestellt. Er galt nur im direkten Vergleich mit Ahmadinejad als Hoffnungsträger, weil von ihm ein gemäßigterer Ton und eine pragmatischere Politik zu erwarten waren -ein Mullah light sozusagen.

Es gibt jedoch auch eine zweite, optimistischere Lesart der Ereignisse im Iran. Die Repression durch das Regime und der Protest gegen die mutmaßliche Wahlfälschung zeigen nämlich, dass den Fundamentalisten die Kontrolle entgleitet. Viele Iraner fordern politischen und gesellschaftlichen Aufbruch. Sie werden vielleicht diesmal noch verlieren, aber aus ihrer Wut kann zugleich der Kern einer mächtigeren Gegenbewegung zum Regime erwachsen.

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