"Die Presse" Leitartikel: Kinderwunsch und soziale Wirklichkeit, von Oliver Grimm

Ausgabe vom 15.06.2009

Wien (OTS) - Damit die Österreicherinnen mehr Kinder kriegen, braucht es kluge Politik und ideologische Abrüstung.

Frühere Kulturen", orakelt Jonathan Rauch düster in einem Essay für das amerikanische Magazin "Atlantic Monthly", "hatten nicht den Luxus, ihre Kinder als reine Nonprofit-Unternehmung anzusehen. Und die Wahrheit ist: Wir haben ihn auch nicht."
Nun gut: Diese Zeilen stammen aus dem Jahr 1989. Die Amerikaner sind in der Zwischenzeit ebenso wenig ausgestorben wie die Europäer, deren familienpolitische Ausrichtung - Umverteilung von Kinderlosen zu Kinderreichen - dem damaligen neuen US-Präsidenten George H. W. Bush so gut gefiel, dass er eine Familienbeihilfe aus Steuermitteln einführte. So viel also zum angeblichen ideologischen Graben, der Amerika und Europa in Sachen Sozialpolitik trennt.
Die zwei Jahrzehnte alte Einsicht des amerikanischen Essayisten trifft allerdings auf das Europa der Gegenwart noch immer zu. Natürlich müssen die Menschen in den postagrarischen, mancherorts sogar schon postindustriellen Gesellschaften vom Atlantik bis zu Baltikum nicht mehr zweistellige Kinderscharen als Altersvorsorge heranzüchten, deren Großteil Kindbettfieber, Krieg und Tuberkulose zum Opfer fällt. Das Argument, Kinder zu bekommen, sei in reichen Staaten wie Österreich aber nur mehr ein Frage des Lebensstils, greift allerdings auch zu kurz. Glücklicherweise ist es in offenen Gesellschaften wie der unseren eine persönliche Entscheidung der Frauen, Kinder zu bekommen (das war nicht immer so, man denke nur an Hitlers Mutterkreuz oder die frauenverachtende Geburtenpolitik des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu). Und wenn auf Frauen Druck gemacht wird, gegen ihren Willen schwanger zu werden, muss der Rechtsstaat mit aller Härte einschreiten (Stichwort Amstetten).

Bloß haben wir unsere Altersvorsorge vergesellschaftet. Die Annahme, nach so und so vielen Jahren in Pension gehen zu können, ist nur unter der Bedingung gültig, dass es dann genügend jungen Menschen gibt, die diese Pension bezahlen werden. Nur um Beschwichtigungsprosa à la "Die Pensionen sind sicher" in Perspektive zu rücken: Laut der jüngsten Bevölkerungsprognose der Statistik Austria vom Oktober 2007 wird im Jahr 2030 jeder dritte Mensch in Österreich älter als 60 Jahre sein. Derzeit ist das jeder fünfte. 2,81 Millionen der über 60-Jährige werden dann 4,93 Millionen Menschen zwischen 15 und 59 Jahren gegenüberstehen. Und natürlich arbeiten die nicht alle. Man muss sich schon sehr disziplinieren, um nicht das krude Sprachbild von der "demografischen Zeitbombe" zu verwenden.

Wie soll man dieses Problem lösen? Konkret: Wie bringt man die Österreicherinnen dazu, mehr Kinder zu bekommen? Am besten dadurch, dass man ihnen den Kinderwunsch nicht verunmöglicht. Denn die Österreicherinnen wollen ja mehr Kinder haben, als sie gebären. Maria Rita Testa von der Akademie der Wissenschaften hat in ihrer Analyse einer Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2006 gezeigt, dass 25- bis 39-jährige Österreicherinnen im Durchschnitt gerne 1,7 Kinder hätten. Tatsächlich haben sie 0,97 Kinder. Beide Werte sind die niedrigsten von allen EU-Staaten.
Geld allein ändert das nicht. Zum Gebären lassen sich moderne Frauen nicht bestechen, das sieht man in Kärnten. Dort sinken die Geburtenraten trotz der vom BZÖ verteilten "Mütterprämien" seit Jahren, zuletzt in zweistelligen Prozentzahlen.
Was es vielmehr braucht, ist eine kluge Mischung aus Maßnahmen, die -so abgedroschen das auch klingt - Karriere und Familie vereinbar machen. Da hinkt Österreich im internationalen Vergleich vor allem beim Angebot von Kinderkrippen stark hinterher. Und auch bei der Möglichkeit für Väter, ohne allzu große Einkommensverluste in Karenz zu gehen, gibt es nach langen Mühen frühestens nächstes Jahr eine wirkliche Verbesserung.
Und was es auch braucht, ist eine ideologische Abrüstung auf allen Seiten. Nicht jede Frau, die auf Karriere verzichtet und "nur" Mutter sein möchte, ist deshalb ein Opfer machistischer Unterdrückung. Genauso wenig, wie eine alleinerziehende Berufstätige, die nicht auf ihre Karriere verzichten will, deshalb eine Rabenmutter ist.
Kluge Familienpolitik sollte auf Druck und implizite moralische Urteile verzichten und stattdessen Anreize schaffen. Anreize übrigens auch für die Herren der Schöpfung, sich nicht nur am Wochenende als schicke "neue Väter" mit Schaufel und Bagger in die Sandkiste zu hocken.

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