"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die neue Sparsamkeit ist alles andere als irrational" (Von Manfred Neuper)

Ausgabe vom 10.06.2009

Graz (OTS) - Es wird weniger telefoniert und Auto gefahren, kürzer gereist, günstiger gegessen - die Österreicher sparen. Das ist so ziemlich das letzte, was sich die Wirtschaft derzeit wünscht. Andererseits aber ein verständlicher Reflex auf das, was sich da Krise nennt und bedrohlich Kurs auf die Börsel der Nation nimmt.

Es ist ein Spannungsfeld zwischen Angst- und Vernunftsparen. Ersteres wird, insbesondere von Ökonomen gerne mit dem Etikett "irrational" versehen. Denn gerade in Zeiten einer konjunkturellen Ausnahmesituation sei es volkswirtschaftliches Gift, wenn Bürger auf ihrem Geld sitzen als ob es im wahrsten Sinne des Wortes kein Morgen für sie gäbe.

Doch die neue Sparsamkeit ist nicht das Resultat einer freiwilligen Selbstkontrolle, es ist kein Wohlfühlsparen sondern vielfach tatsächlich so etwas wie Gruselsparen. Ein Blick auf den Arbeitsmarkt genügt. Wer heute um seinen Job bangen muss, ist in aller Regel nicht der Autokäufer oder Karibikreisende von morgen. Nulllohnrunden, Gehaltsverzicht, Kurzarbeit - eine Einladung zum Geldausgeben sieht anders aus.

Zudem haben sich weder Politik noch Wirtschaft seit dem Ausbruch der Finanzkrise in ausreichendem Maße Zeit genommen, zu erklären, was da eigentlich geschieht. Da gibt es auf der einen Seite - notwendige -Konjunktur- und Bankenhilfspakete, die ob ihres Volumens sogar manchen handelsüblichen Taschenrechner überfordern, ganz abgesehen von der Vorstellungskraft eines Durchschnittsverdieners.

Auf der anderen Seite wird der Zeigefinger zur strammen Mahnhaltung ausgefahren um auf kommende, unumgängliche Sparprogramme einzustimmen. Weniger Pension? Gekürzte Sozialleistungen? Da kann es nicht schaden die hohe Kante etwas nachzuschärfen.

Auch Befunde wie "alles grauslich, doch es kommt noch schlimmer" sind kaum dazu angetan, die Kauflaune zu heben.

Österreich ist zwar das Land der 24 Millionen Sparbücher auf denen insgesamt mehr als 140 Milliarden Euro lagern. Aber umgekehrt auch ein Land, in dem täglich 25 Privatkonkurse mit durchschnittlichen Verbindlichkeiten von 122.000 Euro eröffnet werden. Tendenz auf beiden Seiten steigend.

Das, was der Einzelne häufig dem Ganzen, also dem Staat abverlangt, dass er bei gleichzeitiger strenger Einhaltung der Haushaltsdisziplin die Füllhörner öffnen soll, wird derzeit auch von ihm selbst gefordert. Mit dem Unterschied, dass die darin schlummernde mathematische Unmöglichkeit beim Einzelnen schneller zu einem bösen Erwachen führt.****

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