Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Wer braucht diese Reform?"

Ausgabe vom 10. Juni 2009

Wien (OTS) - Willkommen in der Vergangenheit. Die Koalition ist wieder dort, wo sie noch jedesmal nach ein paar Flitterwochen oder -monaten gelandet ist. Es wird wieder blockiert, es werden wieder Themen, die nichts miteinander zu tun haben, öffentlich aneinander geschmiedet. Die Kompromisse sind dann oft so faul wie amerikanische Immobilienkredite.

So läuft halt das politische Geschäft. Zumindest solange es kein Wahlrecht gibt, das jeweils der stärksten Partei die Alleinverantwortung auflädt.

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Rätselhaft ist jedoch, warum es überhaupt um das Universitätsgesetz schade sein soll, das am Njet Claudia Schmieds scheitert (die sich wieder einmal irgendwo durchsetzen will). Denn der Zustand der Unis wird durch den Entwurf nicht saniert. Dieser ist schon ein fauler Kompromiss. Er bringt sogar einige Verschlechterungen - zumindest wenn die Lehr- und Forschungsqualität der Unis der zentraler Maßstab ist. Und nur darum muss es gehen, solange es nicht genug Geld gibt, um alle Landesnervenanstalten, so wie Gugging, an den Unis vorbei in tolle Ersatz-Unis zu verwandeln.

Die Unis werden weiterhin trotz einer Mini-Retusche zwei De-facto-Aufsichtsräte - Rat und Senat - haben, die einander (wie die Koalition) eifersüchtig belauern. Was eindeutig einer zu viel ist.

Österreichs Unis werden ferner weiterhin - wir haben's ja! - die einzigen in Europa sein, die weder Gebühren noch Aufnahmetests noch quantitative Aufnahmelimits kennen (Kunst und Medizin einmal ausgeklammert). Dafür bekommen sie eine Studieneingangsphase - die den Studenten ein ganzes Lebensjahr raubt, sollte sie mit einem Rotlicht fürs Weiterstudium enden. Das trifft junge Menschen aber viel härter als ein zweitägiger Test, selbst wenn dieser marginal ungerechter sein sollte.

Und schließlich führt man Geschlechterquoten für alle Gremien ein. Als ob an Universitäten nicht einzig die Qualifikation und Freiheit zählen sollte. Der politisch korrekte Proporz folgt damit auf den einst mühsam gezähmten parteipolitischen Proporz. Die gleiche Logik wird in einigen Jahren wohl zum ethnischen Proporz (wie in Amerika) und zum Klassenproporz (wie in der UdSSR) führen. Also zu fixen Quoten für die Austro-Türken und -Afrikaner wie auch für Arbeiterkinder.

Daher sei gehofft, dass Schmied bei ihrer Blockade bleibt. Die sie aus ganz anderen Gründen übt.

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