Wohl der Kinder bei Scheidungen noch stärker berücksichtigen

Symposion der "Lobby für Kinder" zeigte Mängel im österreichischen Justiz- und Jugendwohlfahrtssystem auf - Bereits jedes dritte Kind muss Trennung seiner Eltern miterleben

Wien, 09.06.2009 (KAP) Das Wohl der Kinder muss bei Scheidungen noch stärker im Mittelpunkt stehen, und das muss dem Staat auch zusätzliches Geld wert sein. Das war der Tenor eines Symposions am Wiener AKH, zu dem der Verein "Lobby für Kinder" am Montagabend geladen hatte. Letztlich seien bei einer Scheidung alle Beteiligten überfordert, von den Eltern über die Kinder bis zum Jugendamt und den Familienrichtern, so die ernüchternde Erfahrung, wie sie von den Teilnehmern des Symposions eingebracht wurde.

Die Wiener Familienrichterin Ursula Kovar kritisierte die zeitliche Überlastung der Familienrichter, die zudem keine adäquate Ausbildung für diesen heiklen Bereich hätten. Kovar sprach von einem qualitativen und quantitativen "Notstand", der angesichts der steigenden Scheidungsraten dringen behoben werden müsse. Es sei auch bei bester Ausbildung und viel Zeit schon schwer genug, in dem diffizilen Geflecht von Schuld und Verletzungen zwischen den beiden Elternteilen das Beste für das Kind herauszufinden.

Auch die Rechtsanwältin Brigitte Birnbaum sprach sich dafür aus, mehr erfahrene Richter einzusetzen. Es gebe auch zu wenig kinderpsychologisch geschulte Gutachter, bemängelte Birnbaum, die zudem auch ihren eigenen Berufsstand in die Kritik miteinschloss. Aufgabe der Rechtsanwälte müsse es sein, zur Deeskalation beizutragen und an der Findung von kreativen Lösungen bei Scheidungen mitzuwirken, die für alle Beteiligten lebbar sind. Deshalb brauche es auch für Rechtsanwälte Zusatzausbildungen für Streitschlichtungsformen.

Die Bedeutung stabiler Beziehungen für erfolgreiches Lernen hob die Rektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (KPH), Ulrike Greiner, hervor. Die oftmals massiven Leistungseinbrüche und sozialen wie emotionalen Schwierigkeiten bei Scheidungskindern stellten auch für die Lehrer eine große Herausforderung dar. Lehrer würden heutzutage wie nie zuvor auch direkt mit dem "Intimraum Familie" konfrontiert. Dafür fehle aber meist das professionelle Rüstzeug. Greiner kündigte an, dass die KPH sich dieser Herausforderung stellen werde und man plane Fortbildungsangebote für diesen Bereich.

Massive Auswirkungen auf Kinder

Bereits jedes dritte Kind müsse im Laufe seines meist noch jungen Lebens die Scheidung bzw. Trennung seiner Eltern miterleben, verdeutlichte der Psychologe Harald Werneck die Ausmaße der Problematik. Verschiedenste Studien über Scheidungskinder würden zwar zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, praktisch jede zeige aber in der einen oder anderen Form die massiven Auswirkungen auf die Kinder auf. Diese könnten akut oder auch erst nach Jahren auftreten. Letztlich hätten Scheidungskinder auch ein deutlich höheres Scheidungsrisiko im späteren Leben.

Wie Werneck darlegte, hätten die Kinder ein Recht auf Information. Eltern seien vielfach aber überfordert, ihre Kinder altersgerecht über ihre Beziehungsprobleme und die Trennung zu informieren. Familienrichterin Kovar forderte in diesem Zusammenhang bereits im Vorfeld der Scheidung von professioneller Seite verstärkte Hilfestellungen für die Eltern.

Wernecks Resümee: Jede Scheidung sei anders und in jedem Fall brauche es individuelle Hilfe. Die dafür notwendigen Ressourcen würden sich - wenn man die gravierenden Folgen von Scheidung in Betracht zieht - sogar volkswirtschaftlich rechnen.

Der im Dezember 2007 gegründete Verein "Lobby für Kinder" will "Kinder in die Mitte stellen". Mitglieder sind u.a. der Wiener Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner, der Arbeits- und Sozialrechtler Prof. Christian Mazal, die Leiterin des Wiener diözesanen Schulamts, Hofrat Christine Mann, KPH-Rektorin Ulrike Greiner und der frühere Wiener Stadtschulrats-Präsident Kurt Scholz.

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