"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "La dolce vita" (Von IRENE HEISZ)

Ausgabe vom 3. Juni 2009

Innsbruck (OTS) - Europäische Demokratien funktionieren trotz
ihrer Führungskräfte. Noch.

Herr Strache lässt sich firmen, Herr Sarkozy lässt sich mit seiner Model-Frau filmen und Herr Berlusconi hat nur vielleicht eine Affäre mit einer seit Kurzem 18-Jährigen.

Dass Straches Anbiederung an das christliche Lager an Unglaubwürdigkeit kaum zu überbieten ist, wird zu viele Katholiken nicht davon abhalten, am kommenden Sonntag die FPÖ zu wählen. Das für eine französische Frauenzeitschrift in youtube gequetschte Geturtel des Ehepaares Sarkozy wird die Französinnen nicht daran hindern, die menschlichen Qualitäten ihres Staatschefs zu würdigen.

Und dass ausgerechnet Silvio Berlusconis nach wie vor unklare Beziehung zu einer sehr jungen Frau dazu angetan sein könnte, ihn zu stürzen, ist höchst unwahrscheinlich. Die offensichtliche Geschlechtsreife des Früchtchens werden Millionen (italienischer) Männer nämlich gern augenzwinkernd bestätigen.

Die drei Herrschaften und ihre Umtriebe haben vordergründig nichts miteinander zu tun, sie spielen in verschiedenen Ligen. Aber sie stehen exemplarisch für den Niedergang der politischen Kultur in Europa. Politik verkommt zur multimedial zelebrierten Show, zum permanenten Ablenkungsmanöver, zum Selbstbedienungsladen eitler, (macht-)geiler Politikerdarsteller, die unangekränkelt von moralischen Skrupeln und Sentimentalitäten wie der Verantwortung für das Gemeinwohl ihre jeweils ureigenen Ziele verfolgen.

Auch die Weltwirtschaft hat nach diesem Prinzip funktioniert, aber nur scheinbar, nur kurze Zeit und u. a. eben deshalb, weil die Politik kläglich versagt hat. Jetzt fliegen uns die Trümmer um die Ohren und weder das Ende noch die mittelfristigen Konsequenzen des verheerenden Schauers sind abzusehen.

Die gute Nachricht ist: Europäische Demokratien funktionieren im Großen und Ganzen trotz ihrer Führungskräfte. Noch. Denn je härter die wirtschaftliche Lage, desto fruchtbarer der Boden für Extremisten.

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