"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Wenn die besten Köpfe nach Gugging kommen"

Die Förderung von Spitzentalenten ist gut, eine Uni-Strategie wäre besser.

Wien (OTS) - Die "neue tragende Säule der heimischen Spitzenforschung" ragt also nun laut Wissenschaftsminister Johannes Hahn in den Wienerwald. Das Institut of Science and Technology (IST)Austria, vormals als Elite-Universität angedacht, ist eröffnet. Ein Schelm, wer im Standort Gugging, der früheren Nervenheilanstalt, eine spezifisch österreichische Ironie entdeckt.
Die Präsidentin einer wahren Elite-Universität, Alison Richard, hat jüngst in einem Interview mit der Wochenzeitschrift Die Zeit jene Faktoren aufgezählt, die Cambridge zur Top-Forschungseinrichtung machten. Es lohnt sich, diese wie einen Raster über Gugging zu legen:
Eine Wissensinstitution abgelegen von den Städten, weit weg und nicht leicht zugänglich, hat mehr Autonomie und weniger Zugriff vom Staat. Gut, hinter Kierling ist auch abgelegen. Das allein wird wohl für Spitzenleistungen nicht ausreichen. Und für "weniger Zugriff vom Staat" braucht es in Österreich entschieden mehr als nur "geografische Ferne". Die Standortwahl allein war ein einziges Politikum.
Dann meinte Richard noch, "Schönheit ist wichtig". Das könnte bei Gugging noch durchgehen. Bei "genug finanziellen Ressourcen", die "jede Menge Freiheit" bedingen, sind Zweifel angebracht. Viele "beste Köpfe" haben nämlich Österreich eben wegen des Mangels an beiden bisher schon verlassen. Wie viele für einen Ort gewonnen werden, dessen einzige Infrastruktur in einem Supermarkt besteht, muss sich erst zeigen.
Aber ganz abgesehen vom Ist-Zustand des IST sollte man sich Gedanken darüber machen, dass eine durchdachte Universitätsstrategie noch immer nicht zu erkennen ist. Der Vernachlässigung von Spitzentalenten kann nun vielleicht abgeholfen werden, die generellen Probleme bei Qualität und Qualifikation bleiben.
Wie wenig diese erkannt werden, zeigte erst jüngst ein Vorschlag von Minister Hahn. Eine zweisemestrige Eingangsphase bei einem sechssemestrigen Bachelor-Studium? Was ist in vier Semestern an Qualifikation zu erreichen? Welch schlecht ausgebildeten Studenten entlässt man dann in den immer härteren Arbeitsmarkt?
Entweder der Vorschlag ist reiner politischer Aktionismus oder Verantwortungslosigkeit Studenten gegenüber. Man müsste dann zumindest die Wertlosigkeit eines Bachelor-Abschlusses betonen und nicht dessen Berufsqualifikation propagieren. Diese kann es in zwei Jahren einfach nicht geben.
In jedem Fall zeigt die Idee gemeinsam mit dem Flickwerk der gegenwärtigen Schulpolitik, in der auch jeder Gewerkschafter und zufällige Bildungssprecher einer Partei seine eigenen Pläne verfolgen kann, nur das Fehlen jeglicher Anstrengung im Bildungsbereich. Wenn sich das in diesen Wirtschaftszeiten nicht bald ändert, kann man gleich nach der Verschrottungsprämie für Autos die Verschrottung künftiger Talente als Rezept gegen die Wirtschaftskrise anpreisen -auch wenn es die besten Köpfe nach Gugging verschlagen sollte.

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