"Die Presse am Sonntag"-LEITARTIKEL: Wir sind Opel, von Christian ULTSCH

Ausgabe vom 31.05.2009

Wien (OTS) - Der Einstieg des austrokanadischen Zulieferers Magna beim deutschen Opel-Konzern weckt patriotische Regungen. De facto ebnet der fragwürdige Deal Russland den Weg in Europas Autoindustrie.

Da kamen patriotische Gefühle hoch. Als einer der ersten Gratulanten stellte sich Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner mit einem rhetorischen Blumenstrauß ein. Eine Auszeichnung fürs österreichische Unternehmertum sei es, dass der austrokanadische Zulieferer Magna den Zuschlag für Opel erhalten habe, jubelte er. So hatte sein deutscher Amtskollege Karl-Theodor zu Guttenberg die Sache wahrscheinlich auch noch nicht betrachtet. Seiner Skepsis gegenüber dem Einstieg des Magna-Konzerns beim deutschen Autohersteller hätte das aber vermutlich keinen Abbruch getan. Der bayerische Freiherr nämlich hätte Opel lieber in die Insolvenz geschickt, als dem Staat Milliardenkredite und Bürgschaften mit ungewissem Ausgang aufzubürden.

Doch mit dieser Meinung stand der neue CSU-Star am Ende allein und auf verlorenem Posten in der deutschen Bundesregierung da. Vier Monate vor der deutschen Bundestagswahl geht es nicht nur um die Abwägung wirtschaftlicher und ordnungspolitischer Argumente, sondern um die demonstrative Sicherung von Arbeitsplätzen. Ob die 26.000 deutschen Jobs bei Opel auch wirklich langfristig bestehen bleiben oder am Ende der Steuerzahler die Zeche zahlen muss, ist da nicht so wichtig.

Auch für Magna ist der Deal, der mit dem amerikanischen Opel-Mutterkonzern GM übrigens erst fixiert werden muss, nicht ohne Risiko. Doch immerhin hat der deutsche Staat versprochen, dafür mit 4,5 Milliarden Euro geradezustehen. Angriff ist die beste Verteidigung, mag sich Frank Stronach gedacht haben. Denn sein Zulieferkonzern befindet sich mitten im Orkan, der über die Autoindustrie hinwegfegt. 199 Millionen Dollar Verlust hat Magna heuer im ersten Quartal gemacht. Doch wenn Opel pleiteginge, fiele ein wichtiger Kunde weg. Da wollte Stronach den Laden gleich selbst übernehmen.

"Wir" sind aber noch lange nicht Opel. Magna soll nur 20 Prozent des Unternehmens halten, Opel-Mitarbeiter zehn, die restlichen 70 Prozent sollen sich der knapp vor der Insolvenz stehende GM-Konzern und die Kreml-nahe Sberbank teilen. Auch wenn Magna öffentlich die erste Geige spielt, den Leitton könnte letztlich Russland vorgeben. Deutschland ist damit nicht nur bei Gaslieferungen, sondern auch in einer Schlüsselindustrie von russischem Wohlwollen abhängig. Das schafft ebenso politische Abhängigkeiten. Als Türöffner war dabei wieder einmal ein besonderer Busenfreund Putins aktiv: der deutsche Exkanzler Schröder.

Ob der schwächelnde russische Markt Opel retten kann? Der Überlebenskampf in der Autobranche hat erst begonnen. Magna-Manager Wolf hat unlängst darauf hingewiesen, dass es weltweit Überkapazitäten von 20 Millionen Autos pro Jahr gibt, also um fast 15-mal mehr, als Opel überhaupt bauen kann. Es werden noch einige Pkw-Hersteller vom Markt verschwinden. Und da darf man schon auch die ketzerische Frage stellen, warum ausgerechnet Opel, das jahrelang am Konsumenten vorbeiproduziert hat, in dieser Dinosaurierindustrie überleben sollte.

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