Neue EU-weite Studie zur Strafverfolgung von Vergewaltigung in Europa wurde heute vorgestellt

Wien (OTS) - Im Rahmen eines EU DAPHNE-Projektes wurden Daten zur Strafverfolgung von Vergewaltigung in allen EU-Ländern untersucht sowie eine Auswertung von je 100 Strafakten in 11 Ländern, darunter auch Österreich, durchgeführt. Heute wurden die Ergebnisse der neuen Studie zu Strafverfolgung von Vergewaltigung in Österreich im Bundesministerium für Justiz präsentiert.

Die Veranstaltung wurde von der Bundesministerin für Justiz, Mag.a Claudia Bandion-Ortner unterstützt und eröffnet und von der Frauenabteilung der Stadt Wien gefördert. Veranstalterinnen sind die Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie und der Wiener Notruf für vergewaltigte Frauen. Die beiden Autorinnen der Studie, Prof.in Dr.in Liz Kelly und Dr.in Corinna Seith von der London Metropolitan University waren persönlich anwesend und stellten die Ergebnisse vor. Im Anschluss diskutierte eine Reihe von ExpertInnen die Ergebnisse.

Vergewaltigung in Österreich - nur 17% der angezeigten Täter werden verurteilt

Die Studie verdeutlicht, dass in Österreich die Zahl der Anzeigen wegen Vergewaltigung in den letzten Jahren leicht gestiegen ist. Dies führte allerdings nicht zu einem Anstieg bei den Verurteilungen, im Gegenteil: Die Zahl der Verurteilungen sank von durchschnittlich 22% in den letzten fünf Jahren auf 17% im Jahr 2006. "Dieses Ergebnis beunruhigt uns sehr, denn das bedeutet, dass nicht einmal jede fünfte Anzeige zu einer Verurteilung führt und dass Vergewaltigung ein Delikt ist, das überwiegend straffrei bleibt", so Rosa Logar von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie.

Dunkelziffer bei Vergewaltigung hoch - nur etwa eine von zehn Vergewaltigungen wird angezeigt

Es muss auch berücksichtigt werden, dass Vergewaltigungen von den Betroffenen (es sind dies fast ausschließlich Frauen) häufig nicht angezeigt werden. "Nur ca. eine von zehn Vergewaltigungen wird angezeigt", berichtet Liz Kelly. "Die betroffenen Frauen fürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird oder dass ihnen sogar die Schuld zugeschoben wird, daher schrecken sie vor einer Anzeige zurück", weiß Rosa Logar aus der langjährigen Erfahrung in der Beratung mit Opfern. Frauen scheuen sich in Österreich vor allem dann, eine Vergewaltigung anzuzeigen, wenn der Täter der Partner oder Ex-Partner ist. "Es ist sehr auffallend, dass in Österreich der Anteil der Fremdtäter mit 41%, viel höher liegt als in anderen Ländern. Hier müssen noch Anstrengungen unternommen werden, um die Erstattung einer Anzeige, die nicht dem Stereotyp des Überfalls durch einen Fremdtäter entspricht, zu erleichtern", so Corinna Seith. Dazu gehören verstärkte Aufklärung und Bewusstseinsbildung, etwa in Form von Kampagnen.

Geringe Aufklärungsrate bei Vergewaltigungen

Die genaue Untersuchung von Wiener Strafakten ergab auch, dass ein großer Teil der Täter, nämlich vier von zehn, nicht ausgeforscht werden konnte. Hier stellt sich die Frage, ob nicht noch größere Anstrengungen zur Aufklärung von Vergewaltigungsfällen unternommen werden müssten.

Anklagerate und Verurteilung

Von den hundert untersuchten Strafakten wegen Vergewaltigung in Wien kam es nur in 30 Fällen zu einer Anklage (mit 18 Fremdtätern und 12 Partnern/Ex-Partnern als Täter). In 18 Fällen erfolgte eine Verurteilung, in 11 Fällen ein Freispruch, ein Fall war bei Fertigstellung der Studie noch anhängig. Auffallend ist auch, dass von den 18 Fremdtätern 15 verurteilt wurden, bei den 12 Vergewaltigungen, die durch Partner/Ex-Partner verübt wurden, kam es aber nur zu 3 Verurteilungen. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass Vergewaltigung vor allem dann als gravierend gesehen wird, wenn sie durch fremde Täter erfolgt. Eine größere Chance auf eine Verurteilung bestand auch dann, wenn Waffen im Spiel waren oder das Opfer nachweislich verletzt wurde.

Fehlende Beweissicherung und gerichtsmedizinische Gutachten Gründe für die niedrige Anklage- und Verurteilungsrate dürften fehlende Beweise und fehlende Beweissicherung sein. Die Studie ergab, dass in nur 45% der Fälle ein gerichtsmedizinisches Gutachten vorlag. Die Beweislage ist bei Vergewaltigungen oft schwierig, die Aussage des Opfers alleine reicht oft nicht und meist gibt es keine ZeugInnen. Daher kommt den Sachbeweisen - dazu gehören DNA-Spurensicherungen und weitere gerichtsmedizinische Untersuchungen - eine besondere Bedeutung zu. "Wir wünschen uns, dass in jedem Fall von Vergewaltigung und auch bei anderen schweren Gewaltdelikten sofort eine gerichtsmedizinische Untersuchung durchgeführt wird, wenn die Betroffenen das wollen", so Rosa Logar. Dies muss schnell geschehen, da viele Spuren später nicht mehr verfügbar sind. "Wir ersuchen die zuständigen StaatsanwältInnen, im Bedarfsfall sofort den Auftrag für ein gerichtsmedizinisches Gutachten zu geben, damit Spuren nicht verloren gehen", so Logar. Weiters wünschen sich die Opferschutzeinrichtungen, dass gerichtsmedizinische Untersuchungen unter größtmöglicher Schonung der Opfer in einem vertrauenerweckenden Ambiente und durch geschulte weibliche Gerichtsmedizinerinnen durchgeführt werden. "Wir haben hier ein Projekt mit einer Gerichtsmedizinerin, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert hat, begonnen, und möchten dieses ausbauen," so Logar. "Für die Realisierung braucht es jedoch noch entsprechende Ressourcen und Kooperationen mit der Strafjustiz."

Positiv: Prozessbegleitung für Opfer von Gewalt

In Österreich wurden in den letzten Jahren viele positive Maßnahmen zum Schutz und zur Unterstützung der Opfer gesetzt, wie zum Beispiel die schonenden Vernehmung über Video, die Installierung von Prozessbegleitung und die Einrichtung von Sonderzuständigkeit für (sexuelle) Gewalt im Bereich größerer Staatsanwaltschaften. "Wir begrüßen diese Verbesserungen und das 2006 in Kraft getretene Recht von Opfern von Gewalt auf psycho-soziale und juristische Prozessbegleitung im Strafverfahren sehr. Für sehr positiv halten wir auch, dass Opfer ab 1. Juni 2009 auch im Zivilverfahren, z.B. im Rahmen eines Antrags auf eine zivilrechtliche Schutzverfügung, das Recht auf psycho-soziale Prozessbegleitung haben werden", so Rosa Logar.

Ein großer Wehrmutstropfen ist jedoch, dass für diese neue Unterstützung der Opfer keine finanziellen Mittel vorhanden sind. "Wir wünschen uns, dass die neue Bundesministerin für Justiz den positiven Weg der Prävention von Gewalt und der Unterstützung von Opfern fortsetzt und dass es ihr gelingt, entsprechende Mittel bereitzustellen. Die neue Regelung der Prozessbegleitung soll nicht totes Recht bleiben, denn nur durch die Unterstützung der Opfer von Gewalt kann ihr Vertrauen in die Behörden gestärkt werden", so Rosa Logar.

Rückfragen & Kontakt:

Rosa Logar
Geschäftsführerin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt
Tel. 0664 / 311 94 58

Opfer von Gewalt erhalten rund um die Uhr und kostenlos Hilfe
durch die Frauenhelpline unter der Nummer: 0800/222 555

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AFH0001