"KURIER"-Kommentar von Gert Korentschnig: "Was Kulturfreunde auf die Palme bringt"

Alle sonnen sich im Glanz der erfolgreichen Künstler - solange es nichts kostet.

Wien (OTS) - Wie viele Beweise müssen denn noch erbracht werden, damit endlich alle kapieren, dass Österreich nicht nur ein, sondern in Relation zu seiner geringen Einwohnerzahl sogar das Kulturland ist?
Ulrich Seidl hat einst in Venedig den Silbernen Löwen gewonnen. Birgit Minichmayr wurde eben erst bei den Filmfestspielen in Berlin als beste Darstellerin ausgezeichnet. Nun wurde Christoph Waltz in Cannes als bester Schauspieler gewürdigt. Und Michael Haneke, der Meisterregisseur, bekam für seinen neuen Film "Das weiße Band" die Goldene Palme.
Dazu kommen regelmäßig Auszeichnungen in anderen Bereichen. Eine Produktion des Burgtheaters, "Der Weibsteufel", erhielt beim Treffen der besten deutschsprachigen Aufführungen in Berlin die höchste Auszeichnung. Vom Nobelpreis für Jelinek ganz zu schweigen.
Nun werden einige einwenden: Naja, bei der abgehobenen, intellektualisierten, großkopfigen Hochkultur ist Österreich spitze. Aber sonst?
Unsinn! Nicht nur im künstlerisch wertvollen Bereich, sondern auch im kommerzielleren gab es zuletzt Triumphe. Zum Beispiel den Oscar für Stefan Ruzowitzkys Film "Die Fälscher". Reicht das an Aufzählung? Hanekes Sieg in Cannes ist übrigens der Gipfelsturm: Eine Goldene Palme bedeutet das höchste Renommee, viel mehr noch als ein Oscar. Auch wenn es zumeist so ist, dass Cannes-Regisseure gerne den Oscar hätten und Hollywood-Regisseure eine Palme - aber das nur nebenbei. Was Hanekes Filme so sehr auszeichnet: Dass er dorthin schaut, wo es wehtut, ohne das Grauen immer zu zeigen. Die schrecklichsten Bilder entstehen bei Haneke-Filmen immer im Kopf des Betrachters. Er kennt also seine (zum Teil bürgerliche) Klientel ganz genau. Und weiß auch um die österreichischen Verdrängungsmechanismen bestens Bescheid. Warum dieser Erfolg auch politisch so wichtig ist: Weil Österreich jetzt endlich künstlerisch und filmisch wieder an eine Situation anschließt, die es vor 1938 gab. Eine Generation von grandiosen Filmemachern war ja vertrieben worden, lange genug hat es gedauert, bis wieder international Beachtetes entstand.
Das hat jetzt nichts mit falsch verstandenem Chauvinismus zu tun:
Aber Österreich wäre bestens beraten, sich noch stärker als Kulturnation zu präsentieren. Würde man ein paar Monate lang sämtliche Theater und Museen zusperren - die Folgen für den Tourismus wären enorm. Wir hecheln teilweise falschen Idealen nach und wären zum Beispiel gerne eine Radsportnation - in der Psychologie nennt man das Überkompensation.
Die verantwortlichen Politiker und der ORF als wichtiger Partner der Filmindustrie schmücken sich mit den Erfolgen. Aber es kommen nur Lippenbekenntnisse. Es fehlen die großen Taten. Kunst braucht sehr viel Geld, damit es über Umwege noch mehr hereinspielt. Kunst ist also auch ein ökonomischer Faktor. Daher: Mehr Mittel, keinesfalls Kürzungen oder gar ein Ausstieg aus dem Filmfernseh-Abkommen. Das wäre fatal.

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