"Kleine Zeitung" Kommentar: "In der Erregungsfalle" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 24.05.2009

Graz (OTS) - Ein teuflisches Dilemma: Was Strache tut, ist empörend. Wer sich empört, spielt ihm in die Hände.

Zündler mögen keine Windstille. Sie ist schlecht fürs Geschäft. Das blüht nur, wenn Krach ist. Er ist der Humus der Demagogen. Krach kann man herstellen. Es gibt da eine einfache Bauanleitung. Sie besteht im Kern aus dem Wechselspiel aus Provokation und Empörung. Jörg Haider war darin Meister. Wenn es ihm oder seiner Partei einmal nicht so gut ging und die Öffentlichkeit nicht dort war, wo er war, hat er einfach etwas Ungehöriges gesagt oder getan.

Die Empörung musste sofort einsetzen. Das war dramaturgisch wichtig. Die Empörung hat den Provokateur nicht empört oder geschwächt, sie war Teil des Bauplans. Wenn die Empörung stockte, die Flammen nicht hoch genug schlugen, stimmte an der Dosis etwas nicht. Dann hat man kurzerhand am Tabubruch-Regler gedreht. Ein bisschen was ging immer. Wichtig war einzig die Wirkung: Zuwendung durch Ablehnung, Öffentlichkeit durch Anfeindung, innere Mobilisierung durch äußere Gegnerschaft, Aufwertung durch Ausgrenzung. Ausgrenzung war nie Peitsche, sondern immer Zuckerbrot für rechte Demagogen. Vom Eros des Verfolgten und Verfemten leben sie gut und gern.

Heinz-Christian Strache spielt gerade das alte Spiel, blauensteinerhaft-abartig in der angemaßten Rolle des Kreuzritters. Er ist geistig nicht so elastisch wie der junge Haider, aber das Spiel funktioniert auch mit eingeschränkter Begabung. Das Übermaß an Schamlosigkeit gleicht den Mangel aus. Angetrieben von moralischer Selbstvergewisserung spielen alle mit und folgen dem Drehbuch. Kanzler, Kardinal und Hofburg - so viel kumulierte Feindesehr' muss ein Festmahl sein für den Brandstifter.

Schon überbieten sich die EU-Kandidaten im bizarren Wettstreit, wer von ihnen neuerdings der feurigere Türkenbeitrittsgegner ist. Sie rudern längst in Straches Kielwasser und merken es nicht.

Aber ist es denn verwerflich, nach dem christlichen, spirituellen Erbe des Kontinents zu fragen, ob es als Ferment und Klammer noch tauge und wie es bewahrt werden könne als Angebot für Zugehörigkeit und Identität?

Nein, das wäre nicht verwerflich, aber so fragt Strache nicht. Und weil sonst niemand fragt, füllt sein Furor das Vakuum. Er suggeriert, dass an der Schwäche des europäischen Christentums nicht die eigene säkulare, geburtenarme Gesellschaft, sondern der Islam schuld sei. Strache setzt an die Stelle der reflektierenden Frage die islamfeindliche Parole und benützt das Kreuz als Requisite. Gegen diesen Missbrauch haben sich die Kirchen zu Recht verwahrt. Mehr an Zuwendung schulden sie dem Provokateur nicht. Es wäre Zuarbeiten.****

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