"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Nehmt ihnen doch gleich das Wahlrecht!, von Rainer NOWAK

Ausgabe vom 24.05.2009

Wien (OTS) - Das Gejammer und Philosophieren über die rechte
Jugend ist ärgerlich und sinnlos zugleich. Warum fragen wir nicht lieber, was die Parteien für die Jungen denn so unternehmen und ihnen bieten?

Sie werden abgebildet wie exotische Tiere. Da wird etwa "Franz, 20", fotografiert, wie er eine Fahne schwenkt und lächelnd erklärt: "Ich engagiere mich in der FPÖ, um die Heimat zu verteidigen." Und "Martina, 18", mit dem Playboy-Häschen auf dem Kapuzensweater, gibt ihre Stimme der FPÖ, laut "News" mit der Begründung: "Will mich nicht fürchten und angepöbelt werden." Illustrierte, Magazine und die darauf reflektierende Öffentlichkeit stellen sich angst- bis lustvoll die Frage: Warum wählen so viele junge Wähler die FPÖ? Warum gefällt ihnen der heisere Populismus aus dem Solarium-Perlweiß-Mund so gut? Warum denken sie so extrem und rechts?
Denn es handelt sich längst nicht mehr um exotische Erscheinungen, sondern um politische Machtfaktoren. Je nach Wahl und Umfrage - eine besonders schaurige, also blau gefärbte, soll von den früher als Großparteien bekannten SPÖ und ÖVP sogar unter Verschluss gehalten worden sein - ist Heinz-Christian Strache bei Erst- und Jungwählern voran oder auf Platz zwei, aber immer sehr stark.
Das und die jüngsten provokanten bis kriminellen Aktionen in Ebensee und anderswo stürzen Leitartikler und andere Mahner in Ratlosigkeit, dabei ist die Sache ausnahmsweise so schwierig nicht. Junge wählen oder denken nicht rechtspopulistischer oder rechtsextremer als der Rest der Bevölkerung. Das ist besorgniserregend genug, aber kein Alarmzeichen für die Demokratie, sondern für die anderen Parteien, die den Kontakt verloren haben.
Nein, den stellt man nicht mit ein paar netten Funktionären wieder her, die auf Friends-Jagd auf Facebook gehen oder über ihren Alltag twittern, auch nicht mit Club- und Beachvolleyball-Auftritten, sondern mit den richtigen Köpfen und Inhalten. Selbst junge Gesichter gehören zu altgedienten Politikern: Laura Rudas ist für einen heute 20-jährigen mittelmäßig an Politik Interessierten schon länger in der politischen Wahrnehmung als Werner Faymann, der vor ein paar Jahren aus Wiens Rathaus auftauchte. In der Volkspartei war eine gewisse Silvia Fuhrmann die logische Nachfolgerin von Othmar Karas als Chefin der Jungen VP, nun hat dort Sebastian Kurz das Ruder übernommen. Dass er in Wien nun Vize von Landesparteichef Johannes Hahn wird, lässt befürchten, dass es ihm wie Rudas vor allem um die klassische Karriere geht. Denn die omnipräsente Nachwuchshoffnung Rudas ist keine mehr, sondern reibt sich mit internen Rangeleien und Sitzungen als Bundesgeschäftsführerin auf.
Und die Grünen? In der Partei wird schon längere Zeit mehr der private denn der politische Nachwuchs gefördert, und das betrifft keineswegs Eva Glawischnig allein, wie die Hilflosigkeit der Wiener Grünen zeigt, die mit einer Sympathisanteninitiative für neue Kandidaten von außen hadern.
Politische Aussagen oder Forderungen für Junge hört man in keiner Partei. Laura Rudas hat sich dem solidarischen Ausgleich mit den Pensionisten verschrieben, also der ersten Bürgerpflicht im Sozialpartner-Regime. Auch ihr Kollege Kurz hat nur einmal mit der Idee aufgezeigt, eventuell - solidarisch! - in bestehende Beamtenpensionen eingreifen zu können. Das hat er nur einmal gemacht. Erst- und Jungwähler wissen auch so, dass sie einmal keine oder sehr kleine Pensionen bekommen werden. Sie spüren auch genau, dass sie es noch schlechter als die vorige "Generation Praktikum" getroffen haben: Die Wirtschaftskrise trifft den Arbeitsmarkt mit voller Wucht, bevor sie ihn überhaupt betreten haben. Wer das Abenteuer Lehrling wagt, darf sich in der politischen Debatte zwischen der Finanzierung des Gesundheitssystems und der Arbeitszeitenregelung einreihen. Strache braucht dazu nichts zu meinen, er sammelt die Frustrierten automatisch ein. Nur zur ausufernden Kleinkriminalität, die Jugendliche in den Städten am meisten trifft und ängstigt, sagt er etwas. Mit seinen "Ausländer raus"-Varianten zielt er auf den Migrationshintergrund vieler Jugendbanden ab - ein Problem, das es offiziell gar nicht gibt.
Eigentlich ist es ein Glück, dass sie nur Strache wählen.

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