Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Die Post zeigt es vor"

Ausgabe vom 20. Mai 2009

Wien (OTS) - Niederlagen haben viele Väter. Besonders dann, wenn sie so schwer sind wie die der Sozialdemokraten bei der Arbeiterkammerwahl. Ein Übervater ist Herbert Tumpel, der sein Versagen als Bawag-Aufseher einfach durchtauchen wollte. Schädlich für die SPÖ ist, vor allem in Wien, auch das Thema Zuwanderung, wo sie bei den Migranten bei weitem nicht so viel dazugewinnt, wie sie bei Stammwählern genau der Migranten wegen verliert. Besonders selbstbeschädigend ist es daher, wenn die SPÖ ständig den Blauen in die Falle geht, jeden FPÖ-Sager zur Katastrophe stilisiert und damit erst recht bekannt macht.

Eine weitere Ursache ist die Krise: Denn gerade in den Betrieben erkennen immer mehr Arbeitnehmer, wie anachronistisch derzeit die Usance ist, ohne viel Rücksicht auf Produktivität und Arbeitsmarkt ständig mehr zu fordern. Deshalb kommen nur noch wenige zu Gewerkschafts-Aufmärschen. Deshalb gibt's immer weniger ÖGB-Mitglieder. Deshalb wird auch in anderen Ländern überraschend wenig gestreikt. Die Arbeitnehmer wissen, dass sie, entgegen alten Klischees, längst mehr zu verlieren haben als ihre Ketten.

Die gesamte Gewerkschaftsbewegung steckt in einer tiefen Sinnkrise. Sie ist zur Interessenvertretung einer Minderheit unter den Arbeitnehmern degeneriert, nämlich jener, die über 50 sind und einen fixen Arbeitsplatz haben - also Angehörige der typischen Generation der Betriebsräte. Auf Kosten aller anderen. Je erfolgreicher die (meist ans Alter geknüpften) Privilegien des heutigen Kollektivvertrags- und Arbeitsrechts verteidigt und ausgebaut werden, umso chancenärmer sind Freie Dienstnehmer, Werkvertragler, Teilzeitmenschen und jene, die noch nie einen Job hatten.

Geradezu paradigmatisch hat sich das alles nun bei der Post gezeigt. Die muss im Konkurrenzdruck Kosten sparen. Und findet mit der andere Varianten durch Streikdrohungen bekämpfenden Gewerkschaft einen Konsens über ein provozierendes Lösungsmodell: Die glücklichen Besitzer eines Arbeitsplatzes bleiben völlig ungeschoren, umso radikaler müssen dafür alle künftig eintretenden Postler Opfer bringen. Damit zeigt man aller Welt, wie sehr die Gewerkschaft von der Vertretung einstiger Proletarier zur Wächterin einer Privilegien-Blase geworden ist. Nach dem Motto: Wir cashen noch einmal ab, und hinter uns die Sintflut.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001