"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die rechten Verführer" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 17.05.2009

Graz (OTS) - Hier verrät die Sprache eine falsche Milde. Nein, als dummen Bubenstreich darf man das nicht abtun, wenn eine Handvoll Jugendlicher fremden, betagten Gästen einer Gedenkfeier zur Befreiung eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers auflauert und sie in schwarzen Kampfanzügen mit geschulterten Gewehr-Attrappen schmäht, ängstigt und mit Plastik-Munition beschießt.

Das ist - ebenso wie die antisemitischen Ausfälle Wiener Gymnasiasten im KZ Mauthausen - kein Danebenbenehmen, das ist ein schweres, strafrechtlich relevantes Vergehen. Die dummen Buben sind Täter. Und zwar auch dann, wenn Verurteilungen die fehlende humanistische Grundausstattung nicht kompensieren können und die Heranwachsenden das Wort Verbotsgesetz noch nie vernommen haben und vielleicht auch noch nie, was sich in diesem KZ Ebensee zugetragen hat an menschlicher Bestialität. Vielleicht sind die Burschen auch in dieser Hinsicht Vermummte, die nie etwas mitbekommen haben, nichts mehr erwarten und unfähig sind, etwas zu empfinden.

Natürlich sind in diesem Zusammenhang an die betroffenen Elternhäuser, an die Schulen und die Ersteller von Lehrplänen kritische Anfragen zu richten: an welche Feindbilder die Kinder daheim gewöhnt worden sind und warum die Bildungsstätten offenkundig als Korrektiv versagt haben und mit ihnen die Lehrpläne, die die Jungen jahrelang in die Werkzeugkultur vergangener Jahrtausende führen und am Schluss, wenn überhaupt oder als Stippsivite, in die Zeitgeschichte. Und vielleicht könnte man dann auch erfahren, warum bis heute Schulschikurse verbindlicher sind als etwa ein Mauthausen-Besuch, der mehr Prägekraft hat als alle Bücher.

Auch die Politik ist ein schlechter Erzieher. Die Innenministerin braucht drei Korrekturen, um sich zu Ebensee unzweideutig zu äußern. Die Rechten sorgen sich um zu hohe Strafen und demonstrieren mit Neonazis und Kruzifix in Brigittenau. Die Schamlosigkeit, mit der sie Ängste hoch- kitzeln, senkt auch bei den Jungen die Hemmschwelle. Auch sie machen in der Schule oder als Lehrling Erfahrungen mit den Folgen missglückter Integration. Sie erleben Konflikte und sehen, dass sie Strache in coolem Outfit offen anspricht, während sie von den Großparteien mit ideologischen Formeln abgespeist werden.

Straches Formeln sind falsch. Sie lösen nichts. Aber seine direkte Sprache und sein goscherter Habitus erreichen viele Junge, während die Sprache der Etablierten ölig und schwammig ist und niemanden erreicht. Erst diese Haltungslosigkeit der Mitte macht die Jungen verführbar.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001