"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der kompromisslose Umgang mit dem braunen Sumpf" (von Michael Jungwirth)

Ausgabe vom 15.05.2009

Graz (OTS) - Wir kennen es zur Genüge. Wann immer sich
irgendwelche Typen mit rechten Sprüchen, dumpfen Parolen oder üblen Tätlichkeiten wie kürzlich in Ebensee ins Szene setzen, wird sogleich die Erklärung nachgereicht: Ist doch nur ein Lausbubenstreich von jüngeren Zeitgenossen, die aus Langeweile, sozialer Perspektivenlosigkeit oder ideologischer Verblendung in Aktion getreten sind. Mehr oder weniger die Tat von sozial deklassierten Einfaltspinseln, ein simples Unterschichtenphänomen.

Mit der sozialen Argumentationskette ist dem Phänomen nicht beizukommen. Umso größer dann die Verwunderung, wenn bekannt wird, dass Schüler aus einem Wiener Nobelgymnasium in Auschwitz Holocaust-Überlebende verhöhnt haben und die Lage so eskaliert ist, dass ein Teil der Jugendlichen vorzeitig heimgeschickt werden musste.

Österreich zeichnet sich im Umgang mit rechten Phänomenen, wie Ariel Muzicant treffend konstatiert hat, durch eine "Kultur der Verharmlosung" aus. Im Umgang mit der Vergangenheit erschöpft sich die Politik in ritualisierten Gesten und legt, wenn es grad notwendig ist, das Bekenntnis ab, dass Österreich nicht nur Opfer, sondern auch Täter war. Streift ein Politiker am rechten Rand an, war es wohl nur ein Ausrutscher, ein grobes Missverständnis. Da es ja "nicht so gemeint" war, ist es in weiterer Folge kein Problem, wenn jemand wie Martin Graf ins Präsidium des Nationalrats aufrückt. Statt KZ-Wärter oder Nazi-Täter vor Gericht zu stellen, lässt man sie lieber unbehelligt in Würde altern. Und wenn Neonazis irgendwo in Erscheinung treten, werden sie als punktuelles Phänomen abgetan.

Dass immer mehr Jugendliche - freiwillig oder unfreiwillig - mit rechtem Gedankengut in Berührung kommen, wird geflissentlich übersehen, Lehrer oder auch Eltern schauen beschämt - oder aus Ratlosigkeit - einfach weg. Da darf man sich nicht wundern, dass Parteien mit einfach gestrickten, plakativen Botschaften, die sich simpler Feindbilder bedienen, bei den jungen Menschen gut ankommen.

Was in Österreich fehlt, ist der kompromisslose Umgang mit dem braunen Sumpf. Noch dazu schwindet das Unrechtsbewusstsein, stattdessen blüht die Verluderung im Umgang mit NS-Verharmlosern. Die Politik muss zwar mit gutem Beispiel vorangehen, aber das reicht nicht aus. Eine Schlüsselrolle kommt den Schulen zu, auch die Eltern sind gefordert. Ohne nationale Kraftanstrengung wird der braune Sumpf nie trockengelegt werden.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001