"DER STANDARD"-Kommentar:"Benedikts Geschichtsvergessenheit" von Gudrun Harrer

Der Papst bereiste eine Woche lang den Nahen Osten und ließ sich dort auf nichts ein - Ausgabe vom 15. 5. 2009

Wien (OTS) - Verschiedentlich ist aus dem Publikum nicht nur des Standard ein Aufstöhnen zu vernehmen: Ist denn ein Besuch des römisch-katholischen Papstes im Nahen Osten im Jahr 2009 wirklich so relevant, dass er täglich ausführlich berichtet und kommentiert werden muss? Eine prinzipielle Debatte über quantitative oder qualitative Aspekte des Begriffs "Relevanz" wäre möglich, spontan drängt sich jedoch die Antwort auf, dass die Performance eines 1927 geborenen "deutschen Papsts" in Israel und Palästina ganz objektiv "interessant" sei.
Und zwar nicht nur in einem zweifach involvierten Land wie Österreich - ehemals nationalsozialistisch und noch immer ein bisschen katholisch -, sondern durchaus auch in außenstehenden Ländern. Diese spontane Antwort zeigt aber auch, dass das allgemeine Interesse eher historisch und politisch begründet ist, unabhängig davon, dass es für den Papst nun eine bloße "Pilgerreise" war, wie der Vatikan betonte. Auch die Beziehungen der katholischen Kirche zu Judentum und Christentum interessieren ja nur eine (meist gläubige) Minderheit wegen ihrer spirituellen oder theologischen Dimension. Für die anderen ist es Politik.
Und jetzt ist er also am Ende angelangt, Joseph Ratzingers Nahost-Besuch, von dem im Vorfeld gesagt wurde, dass er mit Fettnäpfchen gepflastert sei. Ist Benedikt XVI. in solche Fettnäpfe getreten? Nein, ist er nicht (zumindest nicht bis zu Redaktionsschluss). Er hat nichts besonders Auffälliges gesagt, er hat niemanden beleidigt -es sei denn, in Israel will man ihm seine Aussagen in den Palästinensergebieten verübeln, die jedoch inhaltlich in nichts über das hinausgehen, was etwa aus den USA oder der EU kommt.
Auffällig war höchstens noch die Terminologie, die mit Wörtern wie "Heimstätte" und "Land der Vorfahren" an zionistische Vorbilder für die palästinensische Nationalbewegung erinnerte - was aber natürlich gleichzeitig eine Vermeidungsstrategie für politisch eindeutige Begriffe war. Und Benedikts Interpretation der israelischen Trennungsmauer als Symbol des "Stillstands" zwischen Israelis und Palästinensern war sogar eine relativ gutmütige.
Der Papst hat auch nichts ausgelassen, er hat mit starken Worten den Antisemitismus verdammt, und er hat in emotionalen Worten die Shoah beklagt. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten kann man es beinahe gar nicht fassen, mit welcher - ja - Kaltblütigkeit Joseph Ratzinger sich bei seinem Auftritt in Yad Vashem selbst außerhalb von Raum und Zeit verortet hat. Ein katholischer Papst fällt offenbar vom Himmel:
Er ist nicht in Deutschland geboren, war nicht (unfreiwillig) bei der Hitlerjugend, hat nicht antisemitische Lehrer gehabt. Er ist auch nicht Papst einer Kirche, die in ihrer 2000-jährigen Geschichte große Schuld gegen Juden (und alle anderen Nichtchristen) auf sich geladen hat. Er ist der gute Papst einer guten Kirche, der auf das Böse zeigt. Von außen.
Man kann davon ausgehen, dass es ein langer Prozess war, bis Benedikt und seine Berater sich auf diese Position festgelegt haben. Sie mag auch damit zu tun haben, dass der Papst nicht in den Geruch kommen wollte, sich von dem in Yad Vashem kritisch behandelten Pius XII. offen zu distanzieren.
Für dessen Seligsprechung die Anerkennung der sogenannten heroischen Tugenden noch aussteht. Der deutsche Papst Ratzinger scheint die Sensibilität zu besitzen, dieses Verfahren zumindest nicht beschleunigen zu wollen. Das widerspricht ja eigentlich seiner in Yad Vashem demonstrierten Geschichtsvergessenheit - umso mehr verstört diese nicht nur emotional, sondern sie enttäuscht auch intellektuell, denn sie hätte nicht sein müssen.

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