Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Erfolgsrezept Obama"

Ausgabe vom 15. Mai 2009

Wien (OTS) - An Barack Obama kann man perfekt das Charisma eines Erfolgspolitikers analysieren. Dafür ist im Medienzeitalter jedenfalls das Äußere wichtig: Obama sieht gut aus, tritt elegant und sportlich auf.

Noch viel entscheidender sind Rhetorik, Schlagfertigkeit und Selbstironie (drei Fähigkeiten, die US-Politiker generell viel öfter haben als österreichische): Ein markantes Beispiel war der Mittwochabend, als Obama die Universität von Arizona besuchte, aber -im Gegensatz zu den Usancen bei Präsidentenvisiten - keinen Ehrendoktor bekam, weil er dafür bisher zu wenig geleistet habe. Obama stimmte dem zu: Sei doch auch seine Frau der Meinung, dass er nicht genug tue. "Wenn ich heimkomme, hat sie eine lange Liste von Dingen, die ich noch nicht erledigt habe." Wann, bitte, war man hierzulande zuletzt so souverän locker?

Als - zumindest temporäres - Glückskind kann er auch Dinge tun, die seinem Vorgänger schwer angelastet worden wären und die auch in Widerspruch zu seiner Wahlkampflinie stehen. So hält er nun entgegen früheren Ankündigungen Fotos aus dem Irak zurück, die US-Soldaten bei der Misshandlung von Gefangenen zeigen. Sein Argument: Eine Veröffentlichung würde Amerikas Ansehen und dem der Armee schaden.

Überaus konservativ präsentiert der angeblich linke Obama auch sein offenbar perfektes Familienleben, bis zur öffentlichen Entscheidung über den Hund. Seine einst von rechts besonders verdammte Frau beschwört öffentlich, dass ihre Kinder stets Vorrang haben werden. Solche Sätze und Haltungen sind für Österreichs - und wohl auch Amerikas - Feministinnen normalerweise Hochverrat. Sie lassen aber die Herzen der Durchschnittsamerikaner höher schlagen, auch wenn es sich dort viele Frauen nicht leisten können, daheim bei den Kindern zu bleiben.

Ein ähnliches Muster zeigt sich in der Außenpolitik. Trotz seines pazifistischen Wahlkampfs rüstet Obama für einen Afghanistan/Pakistan-Krieg. Trotz seiner verbalen Anbiederung an die Klima-Fundamentalisten scheint auch er keineswegs gewillt, das Kyoto-Protokoll zu unterschreiben.

Obama ist im Grund ein aufgeschlossener Konservativer:
Grundsätzlich alles in Frage stellen, aber erst nach intensivem Abwägen handeln. Und zwar nur dann, wenn man überzeugt ist, dass das Neue besser ist als das Alte.

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