"KURIER"-Kommentar von Gert Korentschnig: "Die seltsame Angst vor den Eliten"

Es ist absurd, dass Sportler sinnvoller gefördert werden als Wissenschaftler.

Wien (OTS) - Wer zuletzt bei der feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften dabei war, konnte Allerlei beobachten:
wie wohl sich Bundespräsident Heinz Fischer in diesem Umfeld fühlt; wie sehr Wissenschaftsminister Johannes Hahn bemüht war, das große Thema CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) möglichst klein zu halten. Dass Österreich aus diesem Programm aussteigt, kann man ja gerade im Kreis der Geistesgrößen dieses Landes nicht als Erfolg verkaufen;
wie lebensnahe die meisten wissenschaftlichen Tätigkeiten sind, völlig fern vom sogenannten Elfenbeinturm - das bewies nicht nur ein grandioser Festvortrag des als Ötzi-Forscher berühmt gewordenen Horst Seidler, der mühelos die Brücke von der Anthropologie zur modernen Medizin schlug.
Vor allem aber: wie bedeutend die Rolle des Geldes für Forschung und Entwicklung ist.
Im laufenden Jahr will der Bund 2,2 Milliarden Euro für diesen Bereich ausgeben, 2010 sollen es 2,4 Milliarden sein. Damit wird vorerst nicht einmal das angepeilte Ziel von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht. Geschweige denn dem Wunsch der Akademie der Wissenschaften (vier Prozent) entsprochen.
Nun lassen sich mit Ausgaben für die Forschung nicht so ohne Weiteres Wählerstimmen gewinnen. Wissenschaft - das klingt spröde, kompliziert, unsexy, irrelevant für den Alltag (was völliger Unsinn ist). Leichter hat es da die Politik schon mit unreflektierter, gefährlicher Hetze gegen die EU, gegen islamische Kulturzentren oder wogegen auch immer. Wo Erklärungsbedarf besteht und man mit absurden Vorurteilen nicht durchkommt, ist politisch wenig zu holen.
Peter Schuster, der scheidende Präsident der Akademie der Wissenschaften, hat die Problematik auf den Punkt gebracht. Wenn man eine Umfrage unter Musikliebhabern mache, welche die besten Opernhäuser der Welt seien, würde die Wiener Staatsoper stets genannt. Wenn man jedoch frage, welche wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen die besten seien, wären nur noch wenige aus Österreich darunter. Es besteht die akute Gefahr des Mittelmaßes (viel stärker etwa als jene vorgegaukelte der Islamisierung). Wissenschaft ist eine Sache der Elite. Aber aus seltsamsten Gründen hat man in Österreich Angst vor diesem Begriff. Wir freuen uns, wenn ein Sportler Spitzenleistungen erbringt, also besonders elitär agiert. Aber in anderen Bereichen ist Elite offenbar suspekt. Bei der Kunst. Bei der Bildung. Bei der Wissenschaft.
Dass sportliche Talente viel früher gefördert werden als wissenschaftliche, ist ein Zeichen für eine gesellschaftspolitische Schräglage. Daran kann man nur mit ausreichender finanzieller Ausstattung etwas ändern. Dass Investitionen in die Forschung solche in die Zukunft sind, darüber herrscht politisch Einvernehmen. Irgendwann braucht es aber mehr als Lippenbekenntnisse.

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