Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Die großen Töne"

Ausgabe vom 14. Mai 2009

Wien (OTS) - Warum ist der ÖGB auf die Straße gegangen? Aufs erste wirkt das wie gefährliche Scharfmacherei. Aufs zweite ist aber der geschickte Versuch zu erkennen, den Frust ob der schlechten und für Gewerkschaften erfolgsarmen Zeiten abzulassen, ohne dass dabei größerer Schaden angerichtet wird.

Denn wer die vor der Demo gegebenen Interviews des jetzigen und des früheren ÖGB-Chefs liest, findet darin eine - notwendige und richtige, aber jedenfalls: - historische Konzession: nämlich die Zustimmung zur Kurzarbeit ohne Lohnausgleich. Das heißt, wer nur 80 Prozent arbeitet, bekommt künftig auch nur noch 80 Prozent Lohn.

Was für den ÖGB ein Quantensprung ist, auch wenn er die Anstellung zusätzlicher Mitarbeiter zur Bedingung macht. Jedoch ist jedem Arbeiter das eigene Hemd näher als der Solidaritäts-Rock. Daher nehmen sie diese schmerzhafte Konzession viel lieber dann hin, wenn sie "nur" zur Rettung des eigenen Jobs dient als zur Schaffung neuer.

Insgesamt ist das eine kluge Strategie des ÖGB. Er spürt nämlich genau, dass derzeit auch international dumpfe Angst und defensive Haltungen regieren und nicht die großen Töne. Die aber braucht der ÖGB, will er nicht selbst arbeitslos werden.

*

Das ist die endgültige Abdankung jeder Bildungspolitik. Weil ein paar Schüler getrunken und getanzt, pardon: demonstriert haben, verzichtet die Unterrichtsministerin darauf, ohne Mehrkosten von den Lehrern einige Tage mehr Unterricht zu bekommen. Will sie uns noch immer einreden, wie wichtig für sie die Bildung sei? Oder besteht Bildung für Frau Schmied nur in mehr Geld, nicht in mehr Unterricht? Dann bitte, bitte: Zumindest keine großen Töne mehr. Von Bildungsreform und so.

*

Manche Solidaritätsaktionen für den ORF sind mehr als blamabel:
Ausgerechnet Greenpeace, Attac, SOS Mitmensch und andere Vereine vom äußersten linken Rand des Spektrums verlangen öffentlich die Rettung der Unabhängigkeit des ORF.

Und sie verschweigen, wie sehr sie selbst von diesem ORF und den dortigen Machtstrukturen abhängig sind. Denn Greenpeace, Attac & Co., also demokratisch durch nichts legitimierte Privatorganisationen, haben von den ORF-Mitarbeitern schon Hunderte Stunden an sympathiegetränkten und kritikfreien Werbeauftritten bekommen. Gratis.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001