Medizin: Tests an den Armen, Therapien für die Reichen?

Medizinethiker Virt fordert bei Europasymposion des Katholischen Akademikerverbands in der Slowakei Internationalisierung der Ethik-Institutionen, um mit der Globalisierung der Forschung gleichzuziehen

Pressburg, 13.05.2009 (KAP) Für einen großen Teil der Weltbevölkerung sind viele neue Krankheitstherapien unerschwinglich. Diese Therapien würden zwar sehr häufig an armen Menschen in den Ländern des "Südens" getestet, die Ergebnisse kämen aber hauptsächlich Menschen in reichen Ländern zugute, sagte der Wiener Moraltheologe und EU-Bioethik-Experte em. Prof. Günter Virt beim diesjährigen Europasymposion des Wiener Katholischen Akademikerverbands in Spisske Podhradie (Slowakei). Alle mit bioethischen Fragestellungen befassten Verantwortlichen und Fachleute könnten es sich in Zukunft nicht mehr leisten, vor dieser Diskrepanz die Augen zu verschließen.

Beim Symposion in der Slowakei wurde das neue "Mitteleuropäische Netzwerk Bioethik" vorgestellt, das von Moraltheologen aus Österreich und anderen mittel- und osteuropäischen Ländern gebildet wird. Ziel ist der grenzüberschreitende Austausch in der Bioethik und Medizinethik. Die Leitung des Netzwerks liegt in den Händen der Wiener Ordinaria für Moraltheologie, Prof. Sigrid Müller, Koordinator ist der slowakische Theologe Slavomir Dlugos.

Die Ethikkommissionen der Regierungen in Europa müssten zwar Expertisen zu laufenden Forschungsprojekten erstellen, könnten aber selbst keine Schwerpunktsetzungen vornehmen, so Virt weiter. Die Pharmaforschung nutze das weltweit immer stärkere Auseinanderdriften staatlicher Medizinstandards aus. "In vielen Entwicklungsländern, in denen die reichen Länder ihre Forschung betreiben, gibt es große Gesetzeslücken und oft auch keine Ethikkommissionen, die diese Forschung kontrollieren. Die Internationalisierung der Forschung muss aber eine Internationalisierung der Ethik-Institutionen nach sich ziehen", forderte der EU-Ethikexperte. Es sei "nicht hinnehmbar", dass Forschungsinstitute und Pharmaunternehmen klinische Tests in Entwicklungsländern durchführen, ohne die hierzulande selbstverständlichen Standards wie Aufklärung, freie Einwilligung, Risikoabschätzung u.a. zu beachten. Virt sieht die Kluft zwischen den Forschungsprioritäten und den Bedürfnissen der Kranken wachsen.

Positiv sei, dass die UNESCO das Problem erkannt und 2005 die "Allgemeine Erklärung über Bioethik und Menschenrechte" verabschiedet habe, sagte Virt. Allerdings habe die Erklärung nur geringe Verbindlichkeit, und zudem zeige sich, dass Richtlinien "immer allgemeiner und dünner" formuliert werden, je mehr sie auf der Zustimmung von vielen Staaten beruhen.

Widerstand gegen ethischen Relativismus

Virt forderte auch die verstärkte Aufmerksamkeit der Kirchen für die immer wichtiger werdenden Ethikkommissionen. Theologische Ethik müsse rational und über weltanschauliche Gräben hinweg argumentierbar sei, damit nicht der Eindruck einer "Sonderethik nur für Christen" entsteht. Nicht akzeptabel sei jedoch das Verständnis von Pluralismus als eines ethischen Relativismus, vor dem alle Moral-Gebäude gleich richtig sind. Dies käme "der Abdankung der Ethik als normativer Wissenschaft und deren Auflösung in Sozialwissenschaften gleich", so Virt. Er sieht innerhalb der EU "bedenkliche Tendenzen" in diese Richtung. Die EU-Generaldirektion für Forschung vergebe prinzipiell keine Förderungen für theologische Forschungsprojekte. Theologen könnten sich allenfalls in ein sozialwissenschaftliches Forschungsprojekt integrieren, bemängelte der Wiener Moraltheologe.

Der Pressburger Universitäts-Pharmakologe und EU-Bioethiker Prof. Jozef Glasa wies auf die großen qualitativen Unterschiede der zahlreichen europäischen und nordamerikanischen Ethikkommissionen hin. Diese Gremien seien "so gut wie die in sie entsandten Experten". Als "sehr hoffnungsvoll" bezeichnete Glasa - auch von einem christlich-weltanschaulichen Standpunkt her - die Arbeit des vom Europarat gebildeten "Comite Directeur pour la Bioethique" (CDBI).

Der Zwang zum Kompromiss

Voreingenommenheit gegenüber katholischen Ethikern beklagte der Wiener Mediziner und Theologe Prof. Matthias Beck. In den Ethikkommissionen werde ihnen unterstellt, sie würden "sowieso nur sagen können, was das Lehramt sagt". Auch der Begriff "Moraltheologie" stoße bei vielen Naturwissenschaftlern auf Vorurteile. Andererseits stünden Medizinethiker immer in der "Gefahr", von der offiziellen Kirche als zu liberal eingestuft zu werden, wenn sie manche Kompromisse mittragen. Kirchliche Fachleute könnten, wenn sie in den Kommissionen verbleiben, wenigstens für das kleinere Übel kämpfen, meinte Beck. Durch Kompromissbereitschaft könne man in diesem Sinne viel erreichen.

 

 

Im Blick auf kirchliche Dokumente plädierte Beck für mehr Transparenz. Oft seien etwa Journalisten plötzlich mit einem umfangreichen neuen Dokument konfrontiert und damit überfordert. Information über die Hintergründe oder die argumentativen Zugänge seien hier wünschenswert. Wichtig sei auch, Texte wie z.B. den jüngsten der Glaubenskongregation über bioethische Fragen auch für gläubige Laien verständlich zu formulieren.

Hoffen auf den Lissabon-Vertrag

 

 

 

 

 

 

 

Im Blick auf die Entwicklung in der EU sieht Beck große Chancen im Lissabon-Vertrag: "Ich sehe ihn als sehr positiv an, weil er den hohen ethischen Standard von Artikel 1 der EU-Charta festschreibt, nämlich: Die Würde des Menschen ist unantastbar". An diesem dann einklagbaren Würdebegriff hängt laut Beck sehr viel. Es werde damit gesichert, "dass jeder ein Recht auf Leben hat, ein Recht auf Unversehrtheit" (Artikel 2). Und mit dem Würdebegriff sei auch das Verbot einer Totalinstrumentalisierung des Menschen z.B. im Kontext der Embryonenforschung ausgesprochen. Ein menschlicher Embryo dürfe somit nicht verzweckt werden für die Medikamentenherstellung, folgerte Beck.

Selbst wenn der Vertrag an einigen Punkten Schwächen habe, sei mit diesem Würdeschutz "ein hoher ethischer Standard eingezogen, an dem auch Länder, die kein Grundgesetz haben, nicht vorbei könnten", betonte Beck.

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