DER STANDARD-Kommentar "Lohn-Demo als Schwächezeichen" von Eric Frey

"Die Automobilkrise kostet die Gewerkschaften ihr Flaggschiff für Verhandlungen" - Ausgabe 13.5.2009

Wien (OTS) - Wirtschaftskrisen sind keine guten Zeiten für Gewerkschaften. Zwar wächst der Zorn ihrer Mitglieder, wenn Betriebe schließen und Arbeitsplätze verlorengehen. Aber die Angst vor dem eigenen Jobverlust führt meist dazu, dass Arbeitnehmer stillhalten und auch eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen akzeptieren. Deshalb sind es vor allem die Arbeitnehmervertreter des geschützten öffentlichen Sektors, die auch in solchen Zeiten ihre Interessen beinhart durchsetzen können - wie sich auch bei den Lehrerverhandlungen gezeigt hat.
Die Lohn-Demo, zu denen vier Gewerkschaften für heute, Mittwoch, aufgerufen haben, ist daher weniger eine Machtdemonstration als ein Versuch, die eigene Hilflosigkeit durch Aktionismus zu kaschieren. Marschiert wird offiziell gegen den Stillstand bei mehreren Kollektivvertragsverhandlungen und die Forderung einer Nulllohnrunde, die Industrievertreter etwas tollpatschig in die Welt gesetzt haben. Aber gleichzeitig haben die Organisatoren mit 15.000 erwarteten Teilnehmern die Latte auffallend niedrig gesetzt. Massendemos schauen auch in Österreich etwas anders aus.
Tatsächlich ist es wenig sinnvoll, den Kampf gegen die Krise zur Kon_frontation zwischen Arbeitgebern und -nehmern hochzustilisieren. Der Feind, der bei uns Arbeitsplätze und Wohlstand bedroht, ist im Augenblick nicht der geizige Boss, sondern die lahmende Weltkonjunktur, und gegen die kann man nicht demonstrieren.
Die Krise zwingt die Wirtschaft - und die besteht aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern - zu differenzierten Strategien. Eine allgemeine Nulllohnrunde wäre tatsächlich der falsche Weg. Es gibt ganze Branchen, die vom Abschwung kaum betroffen sind und wo ein realer Gehaltsverzicht unnötig und für die Konjunktur kontraproduktiv wäre. Aber gleichzeitig kann der abflauende Konsum nicht durch besondere Grandezza der Unternehmen wettgemacht werden. Auch Handel, Tourismus und andere dienstleistungsorientierte Betriebe sehen schweren Monaten entgegen. Gebraucht werden hier in guter sozialpartnerschaftlicher Tradition moderate Abschlüsse, die etwas über der Inflationsrate liegen.
Anders ist die Lage für die Exportindustrie, und hier vor allem für die vielen Autozulieferbetriebe. Kaum ein Land der Welt ist von der Autokrise so stark getroffen wie Österreich, wo der Kfz-Anteil am Bruttoinlandsprodukt sogar höher liegt als in Deutschland. Dieser Sektor leidet neben der Rezession unter einer tiefen Strukturkrise:
Es wurden weltweit seit Jahren zu viele Autos produziert. Daran werden auch Verschrottungsprämien nichts ändern.
Dutzende Betriebe werden in den kommenden Monaten aufgeben; und die anderen werden nur überleben, wenn sie Kapazitäten und Kosten reduzieren. Dies trifft vor allem den Großraum Graz und Oberösterreich, die in den vergangenen Jahren am stärksten vom Autoboom profitiert haben.
Hier muss auf Betriebsebene mit viel Flexibilität ein pragmatischer Mittelweg zwischen - der für Arbeitgeber besonders teuren -Kurzarbeit, Lohnverzicht und Kündigungen gefunden werden. Das wird bereits vielerorts von Betriebsräten getan und von der Gewerkschaft wohl oder übel hingenommen.
Damit aber bricht der Gewerkschaftsflottille für ihre Branchenverhandlungen das Flaggschiff weg. Das schwächt ihre Position am Verhandlungstisch und verleitet zu leeren Gesten.
In anderen europäischen Staaten haben militante Gewerkschaften den Konflikt längst auf die Straße getragen - mit negativen Folgen für Betriebe und Arbeiter. Eine kleine Lohn-Demo in Wien ist eine harmlose Ersatzinszenierung ganz nach österreichischem Geschmack, die die empörte Reaktion der Wirtschaftskammer gar nicht verdient.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001