WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Goldene Flügel, die Freiheit verleihen - von Esther Mitterstieler

Nabucco ist nicht genug, Energieeffizienz muss ein Thema bleiben

Wien (OTS) - Va pensiero, sull’ali dorate: Auf goldenen Flügeln zur Freiheit gelangt der Geist also. Der berühmte Gefangenenchor wurde mit Giuseppe Verdis Handschrift und seiner Oper Nabucco eine Quasi-Hymne für die damals um die Einigung kämpfenden Italiener. Genauso sollte Europa mit dem vor sieben Jahren von der OMV initiierten Pipeline-Werk Nabucco behende Richtung größerer Energiefreiheit eilen.

Endlich scheint ein Durchbruch nahe. Scheint aber eben nur. Genau genommen liegt noch nicht einmal eine konkrete Unterschrift vor. Bis Ende Juni wollen die EU, Ägypten, Aserbaidschan, die Türkei und Georgien einen endgültigen Vertrag über den Bau der Pipeline unterzeichnen, schreibt die russische Agentur Interfax. Die wichtigen Gaslieferländer Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan verweigern dagegen ihre Unterschrift. Dann lassen wir einmal den Geist fliegen.

Faktum ist: Europa braucht mehr Energie und neue Zapfquellen. Der Importbedarf der EU soll bis 2020 um knapp 70 Prozent auf mehr als 500 Milliarden Kubikmeter steigen, schätzen Experten. Derzeit werden rund 40 Prozent des Gases aus Russland importiert. Der Großteil davon fließt durch die Ukraine nach Europa, ein kleiner Teil durch die Jamal-Pipeline. Also wird gleich an drei neuen Projekten gefeilt, um den Versorgungshunger zu stillen: North Stream, South Stream, an beiden ist die russische Gazprom beteiligt, und Nabucco. Alle drei wollen Europa mit Energie versorgen. Ob damit mehr Versorgungssicherheit per se garantiert werden wird, bleibt angesichts politischer Unsicherheiten zu hinterfragen.

Nabucco soll Gas aus dem Kaspischen Raum über die Türkei nach Europa fließen lassen. Wie zäh das Gas strömt, zeigt sich allein an der Zurückhaltung der Lieferländer. Bleibt die Frage, wovon die Gaspipeline die Röhre füllen will. Muss sie nicht doch auf Lieferungen aus dem Iran hoffen? Das wäre derzeit politisch ein heißes Eisen. Andererseits: Wenn wir schon unabhängiger von russischen Lieferungen werden wollen, müssen wir auf iranisches Gas wohl oder übel zurückgreifen. Das heißt aber auch: Wir erhöhen mit den neuen Leitungsprojekten unsere Energieabhängigkeit weiter.

Es ist wie mit der Finanzkrise: So lange das System nicht krachen geht, reizen wir es aus bis zum Geht-nicht-mehr. Hier gäbe es gerade für Österreich große Chancen: Warum bauen wir nicht mehr auf die eigene Stärke, etwa die Wasserkraft? Mit schnelleren Genehmigungsverfahren. Und auf mehr Energieeffizienz. Das wären dann goldene Flügel auf dem Weg zu wirklicher Freiheit.

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