"Kleine Zeitung" Kommentar: "Omas auf der Schulbank - und Ideologie bis ins Kinderzimmer" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 9.5.2009

Graz (OTS) - Die Mühlen der heimischen Politik mahlen langsam,
aber sie mahlen. Deshalb wird es nach langen Jahren des fruchtlosen Streits nun endlich die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten geben. Ein erfreulicher Anlass. Man wäre beinahe versucht, der bisher eher glücklosen Koalition diesmal ein "Sehr gut" zu geben.

Das haben die Regierenden freilich verlässlich zu verhindern gewusst. Kaum wurde das Modell gestern vorgestellt, hob hinter den Kulissen schon wieder das alte ideologische Gerangel an. Denn die Politik tut sich schwer mit den Familien. Anstatt für alle Menschen mit Kindern den bestmöglichen Rahmen zu schaffen - und im übrigen jeden so leben zu lassen, wie er will -, wird Familienpolitik stets mit einem bestimmten Familienbild verbunden. An diesem Wesen müssen dann alle genesen, ob sie es wollen oder nicht. Und hinterher wundert man sich, dass die Geburtenrate so niedrig ist, obwohl doch die finanziellen Familienleistungen des Staates eine Riesensumme von inzwischen 7,6 Milliarden Euro ausmachen.

Der Reflex, Familienpolitik nur für bestimmte Familien zu machen, zeitigt diesmal besonders kuriose Folgen. Aus der Tatsache, dass der neue Steuerbonus auch für babysittende Omas gilt, konstruiert die SPÖ einen "Angriff auf die Kindergärtnerinnen", weil diese pädagogisch viel besser geschult seien als jene.

Das mag schon stimmen. Nur darf man erstens ruhig darauf vertrauen, dass auch die Omas nicht auf der Nudelsuppe daherschwimmen. Zweitens muss jede Betreuungsperson sowieso eine Qualifizierung nachweisen -zwar nur im Mindestausmaß von acht Stunden, aber immerhin. Drittens beklagt doch gerade die SPÖ seit Jahren, dass es nicht genügend Betreuungsplätze gibt. Wieso dürfen dann nicht Privatpersonen diesen Mangel lindern?

Der Verdacht liegt nahe, dass es nicht um die Güte der Betreuung geht, sondern um den ideologisch bedingten Vorrang für Kinderkrippen, -gärten und -horte. Umgekehrt darf man davon ausgehen, dass die ÖVP ihr Oma-Modell ebenso mit der ideologischen Brille der "heilen Familie" erarbeitet hat.

Diese Grabenkämpfe sollten die Parteien rasch ablegen. Wenn sie aus der Schockstarre erwachen, werden sie erstaunt die Wirklichkeit sehen: dass es nämlich den Menschen völlig wurscht ist, in welche Muster man sie presst. Sie erwarten Hilfe für jede Art der Kinderbetreuung. Und die Gesellschaft ist ihnen diese Hilfe schuldig, ohne sittliche oder familienästhetische Gegenleistungen zu verlangen.****

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