Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Spießt die Spekulanten!"

Ausgabe vom 9. Mai 2009

Wien (OTS) - Kluge Hausfrauen und auch -männer tun es seit langem:
Sie kaufen Obst und Gemüse erst knapp vor Marktschluss, weil es dann meist viel billiger ist; an manchen Tagen haben sie allerdings Pech, wenn nämlich das Gewünschte rundum ausverkauft ist oder wenn die allerletzten Exemplare teurer geworden sind. Mit anderen Worten:
Hausfrauen wie Markthändler spekulieren. Dasselbe tun Besitzer einer Ölheizung: Sie spekulieren, wann das Heizöl am billigsten ist, um den Tank im Keller anzufüllen. Bauern tun dies seit Jahrhunderten, indem sie entscheiden, mit welcher Aussaat, mit welchem Vieh sie am meisten verdienen werden.

Auch fast jede Stromgesellschaft spekuliert (sofern sie nicht ausreichend eigene Kraftwerke hat, was aber dank der Grünen immer häufiger der Fall ist): Sie versucht, den Zeitpunkt zu erraten, zu dem sie für jeden einzelnen Tag des Folgejahres auf ausländischen Börsen am billigsten Strom kauft.

All diese Spekulanten (und noch viel mehr) sind von der SPÖ offiziell ins Visier genommen worden. Die Partei will Spekulation bei Energie und Lebensmitteln allen Ernstes verbieten. Das heißt: Die SPÖ hat im Soge von Provinzpopulisten (die übrigens auch bei der Konkurrenz immer lauter rumoren) die Reste ihrer Wirtschaftskompetenz aufgegeben.

Man schaue sich einige Exempel an, wo es keine Spekulation - also vorteilsorientiertes Reagieren auf freie Preisbildung - gab oder geben durfte. Nicht spekuliert hat etwa die AUA vor einem Jahr: Sie hat es mit katastrophalen Folgen unterlassen, sich durch "Hedging" (für Klassenkämpfer ebenfalls ein Pfui-Wort) bei Spekulanten gegen einen Anstieg der Spritpreise zu versichern. Nicht spekuliert wurde einst auch in der EU-Agrarpolitik, deren Garantiepreise zu Milchseen, Butterbergen und gewaltigen Kosten für die Steuerzahler geführt haben. Nicht spekuliert werden durfte einst in kommunistischen Ländern mit deren geregelten Preisen - die Folge: Viele Produkte waren nicht mehr oder nur noch auf dem Schwarzmarkt erhältlich.

Wie kann nur jemand wieder diesen Weg gehen wollen? Nun, wenn immer mehr Kirchen, Journalisten, Lehrer, Kammern und Politiker ständig predigen, wie übel Marktwirtschaft, schwankende Preise, Wettbewerb und Spekulation sind, dann glauben es auch immer mehr Menschen. Daher marschiert dieses Land zurück in die Vergangenheit.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001