"Die Presse"-Leitartikel: Wir haben verlernt, unser Leben zu ändern, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 09.05.2009

Wien (OTS) - Die Zeit nach der Krise ist die Zeit der Unternehmungslustigen. Die Frage ist, ob wir genug davon haben.

Die Schokoladeproduzenten und die Sexindustrie gehören zu den Gewinnern der aktuellen Krise. Auf den ersten Blick erscheint das angesichts knapper werdender Konsumbudgets paradox: Schokolade wird den Luxusgütern zugerechnet, und auch um Sex(-artikel) zu kaufen, muss man Geld übrig haben. Auf den zweiten Blick erscheint das schon plausibler: Schokolade enthält bekanntlich sogenannte Glücksstoffe, und sexuelle Ausschweifungen gelten als Möglichkeit, für den Moment den Alltag zu vergessen, und sei er noch so trist.
Auf den dritten Blick handelt es sich wahrscheinlich nicht nur um eine Form des kurzfristigen Eskapismus, der Flucht aus einem belastenden Alltag, sondern um Symptome einer manifesten Störung. Sogar der Volksmund weiß, dass Depressive Schokolade essen sollen, und die Psychotherapie weiß, dass Sexsucht ein häufig anzutreffendes Depressionssymptom ist.
Die Infragestellung der materiellen und sozialen Existenz einer steigenden Zahl von Menschen etwa durch Arbeitsplatzverlust wird mit einiger Sicherheit auch zu einem Anstieg von Depressionserkrankungen führen. Menschen, die nicht über ausreichende psychische Stabilität verfügen, um in einer solchen Situationen eine neue Selbstbestimmung vorzunehmen, zeigen in der Regel zwei Reaktionen: Aggression nach außen oder Depression.
Die Politik fürchtet sich vor allem vor Ersteren, sie sind der Grund für die allenthalben geäußerten Erwartungen von sozialen Unruhen bei einem weiteren Ansteigen der Arbeitslosigkeit. Zweitere agieren in der Regel unterhalb der politischen Wahrnehmungsschwelle, weshalb auch das Risiko, das sie vor allem für die Zukunft darstellen, unterschätzt wird. Anders als die Empörten werden sie nach dem Durchschreiten der Talsohle nicht durch die Wiederkehr des Arbeitsplatzes ins Gleichgewicht zurückfinden.

Die Übertragung individualpsychologischer Phänomene auf die "Gesellschaft" ist wissenschaftlicher Unfug. Dennoch ist es verlockend, in diese Richtung weiterzudenken: Vielleicht ist das depressive Reaktionsmuster für die Politiker deshalb kein Thema, weil es auch das Ihre ist? Auch sie sind ja nicht dazu in der Lage, die massive und plötzliche Veränderung der äußeren Bedingungen für eine neue Selbstbestimmung zu nutzen. Sie flüchten entweder in die Aggression der populistischen Hyperaktivität oder zeigen depressionsbedingte Suchtsymptome: Geldausgeben ohne Ende (in der Regel Geld, das man eigentlich gar nicht hat), mit dem einzigen Ziel, sich die wahren Hintergründe der eigenen Lage vom Leib zu halten und die schmerzhaften Anteile einer Erfolg versprechenden Therapie zu vermeiden.
Wer eine existenzielle Krise bewältigen will, muss bereit sein, jene Forderung Rilkes zu beherzigen, die der deutsche Großphilosoph Peter Sloterdijk zum Titel seines jüngsten Buches gemacht hat: "Du musst dein Leben ändern". Sie beinhaltet die Anmaßung, das, was da passiert, persönlich zu nehmen. Genau das haben zu viele von uns unter der schokoladesüßen Anleitung einer Politik verlernt, die den Entmündigungscharakter sozialer Rundumversorgung geschickt zwischen den Zeilen ihrer Gerechtigkeitsprosa verbirgt. Wie sollen Menschen mit existenziellen Bedrohungen zurechtkommen, denen man von Kindesbeinen die Illusion vermittelt hat, dass ihnen die Sorge um ihr materielles Fortkommen vom fürsorgenden Vater Staat abgenommen wird?

Es ist ziemlich chic geworden, den Hinweis auf die Eigenverantwortung als letztes Aufbäumen einer sterbenden Ideologie zu denunzieren, die Sozialdarwinismus und schrankenlosen Liberalismus verbindet. Dass diese Denunziation Wirkung zeigt, ist kein großes Wunder in einem Land, in dem ein wahlentscheidender Teil der Bevölkerung existenziell auf staatliche Transferleistungen angewiesen ist. Wer sich für sein Leben nicht verantwortlich fühlt, wird anfällig für die Verwechslung von Eigenverantwortung und Egoismus.
Die Zeit nach der Krise ist die Zeit der Unternehmungslustigen und Wagemutigen, der Menschen, die bereit und in der Lage sind, Verantwortung für sich und andere Menschen zu übernehmen. Die Frage ist, ob wir genug davon haben. Wenn ja, sollten Politiker, die meinen, sie könnten ein Land mit Sprüchen wie "Auße mit'n Gel aus die Haar" führen, dann eine neue Chance als Friseurgehilfen bekommen.

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