DER STANDARD - Kommentar "Gegen die Torheit der Zocker" von Eric Frey

Firmenübernahmen auf Pump à la Porsche und Schaeffler gehören eingeschränkt - Ausgabe vom 9./10. Mai 2009

Wien (OTS) - Das Schicksal von Porsche und Schaeffler und anderen wagemutigen Finanzinvestoren wäre ein idealer Stoff für mittelalterliche Moralitäten: Keck forderten sie Großkonzerne wie Volkswagen und Continental heraus, finanzierten deren Übernahme durch billige Kredite und mussten dann zusehen, wie die Finanzkrise ihre hochfliegenden Pläne durchkreuzte. Während die Porsche-Familie sich in einen Kompromiss mit VW flüchten konnte, stehen Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn vor den Trümmern ihrer Zockerei. Der deutsche Staat wird die Schaeffler/Conti-Gruppe wohl retten, das Familienvermögen aber nicht.

Auch in den USA liegen die einst gefeierten Private-Equity-Firmen am Boden, während viele große Konzerne trotz Umsatzrückgängen finanziell solide sind. Wer sich in der Zeit des lockeren Geldes wenig verschuldet hat, wird die Krise viel eher überstehen.

Dieses Ergebnis könnte eigentlich alle Kritiker zufriedenstellen. Doch in den Jahren 2003 bis 2007, in denen kaum ein börsennotiertes Unternehmen vor "Heuschrecken" sicher war, ist zu viel volkswirtschaftlicher Schaden entstanden, als dass man nun einfach zur Tagesordnung übergehen kann.

Übernahmen an der Börse haben ihren Platz in unserer Wirtschaftsordnung; sie zwingen das Management zur Disziplin, verhindern Selbstgefälligkeit und ermöglichen eine rasche, oft profitable Restrukturierung von Branchen. Zu viel Schutz vor Übernahmen, wie es Manager gerne fordern, ist deshalb kontraproduktiv.

Aber in einer Kreditblase verkehrt sich diese Dynamik ins Gegenteil:
Wenn der Käufer durch seinen Zugang zu billigem Geld nicht mehr nachrechnen muss, ob sich eine Akquisition wirklich lohnt, und die Kosten der Übernahme dann der zu teuer erworbenen Gesellschaft aufhalsen kann, dann werden erfolgreiche Unternehmen von kurzfristig spekulierenden Zockern verdrängt.

Dann geht einer der großen Stärken des Kapitalismus verloren, nämlich seine Fähigkeit, langfristig zu planen und zu investieren. Es ist weniger die Veröffentlichung von Quartalszahlen, die in den Köpfen der Manager ein gefährliches kurzfristiges Denken erzeugt, sondern die Sorge, dass sie gerade bei nachhaltigem Erfolg jederzeit übernommen werden können.

Deshalb wäre es neben einer besseren Finanzmarktregulierung wünschenswert, dass Übernahmen auf Pump erschwert werden. Das darf nicht mit nationalem Protektionismus verwechselt werden. Ob ein Käufer aus dem In- oder Ausland kommt, spielt keine Rolle. In Deutschland waren es oft bodenständige Familienunternehmen, die mithilfe fahrlässiger Kreditgeber die Spekulation vorantrieben.

Zwei Wege sind dabei denkbar: Einerseits sollte die steuerliche Bevorzugung von Fremdkapital gegenüber Eigenkapital abgeschafft werden. Deutsche und Briten schränken die Absetzbarkeit von Zinsen bereits ein, während Österreich durch die Gruppenbesteuerung eher in die Gegenrichtung marschiert ist. Notwendig wäre nun eine EU-weite Harmonisierung der entsprechenden Steuerregeln - also wieder einmal ein Mehr an Europa.

Alternativ könnte das Recht von Unternehmen gestärkt werden, sich gegen rein kreditfinanzierte Übernahmeversuche zu wehren. Ob Österreich dies allein machen kann, ohne gegen die EU-Kapitalverkehrsfreiheit zu verstoßen, ist unklar. Und man sollte dabei nicht die Interessen der Aktionäre vergessen, die von hohen Angeboten profitieren.

Aber bei aller Freizügigkeit müssten Übernehmer in Zukunft mehr als eine Kreditlinie vorweisen. Das gilt auch für Industrielle wie Porsche und Schaeffler. Eine strengere Regulierung würde sie letztlich vor ihren eigenen Torheiten schützen.

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