"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Die Renten sind sicher. Sind sie es?"

Der demografische Wandel wird in ganz Europa das Thema der nächsten Jahre.

Wien (OTS) - Die deutschen Rentner dürfen sich freuen: Sie bleiben trotz der Wirtschaftskrise vor Pensionskürzungen verschont. Einen entsprechenden Beschluss fasste die Regierung in Berlin diese Woche. Die Rentenschutzklausel soll sicherstellen, dass die Bezüge auch bei rückläufigen Löhnen nicht sinken. Ohne diesen Beschluss hätte vor allem die heutige massenhafte Kurzarbeit zu einem späteren Zeitpunkt sinkende Renten bewirkt.
Es ist kein Zufall, dass dieser Beschluss im Jahr der Bundestagswahl erfolgt. Pensionisten sind, anders als jüngere Bürger, treue Wähler. Da wollen die Politiker jede Verunsicherung vermeiden. Das System sei langfristig stabil, behaupten sie -obwohl sie wissen, dass eine derartige Garantie mittelfristig wenig wert ist.
Der demografische Wandel wird in ganz Europa das bestimmende Thema der kommenden Jahrzehnte.
"Die Gesamtkonzeption der Gesellschaft ist immer noch am 19. Jahrhundert orientiert", erklärte unlängst Werner Weidenfeld, Politikforscher an der Ludwig-Maximilians-Universität München: "Die Demografie zwingt uns zu einer umfassenden Korrektur des sozialen Sicherheitsdenkens."
An den Fakten kommt niemand vorbei, denn die Bevölkerungswissenschaft ist eine exakte Wissenschaft. Die Geburtenraten verändern sich nur langsam. Daher sind die Prognosen zuverlässig, sofern keine Seuchen, Kriege oder ähnliche Katastrophen geschehen.
Bei der derzeitigen Geburtenrate in der EU von statistisch unter 1,5 Kindern pro Frau ist jede neue Generation ein Viertel kleiner als die vorherige. Mehr als ein Drittel der europäischen Regionen wird bis zum Jahr 2030 Einwohner verlieren. Es kommt zu einer starken Verschiebung im Verhältnis zwischen aktiver und pensionierter Bevölkerung. Zurückgehen wird der Anteil der Bürger im Alter von 15 bis 64, also jener "Erwerbsfähigen", die Kinder und Alte finanziell mittragen sollten. Das Verhältnis zwischen Aktiven und Abhängigen wird sich von rund 2:1 in 1:1 ändern (Daten aus: Europa-Dossier Geo 9/08).
Daraus resultieren Anpassungsprobleme, denen man mit Wahlkampfreden nicht beikommt. Ein Mix von - auch unpopulären -Maßnahmen wird notwendig sein, um die Folgen der absehbaren Entwicklung abzufedern. Ein Ausweg ist die geregelte Einwanderung; das funktioniert nicht ohne verbesserte Integration.
Die Altersbeschäftigung wird steigen müssen; da braucht man andere Rahmenbedingungen für ein längeres Erwerbsleben, mehr Fortbildungsmöglichkeiten, mehr Gesundheitsvorsorge.
Nicht zuletzt ist die Eigeninitiative gefragt: Wer sich allein auf das öffentliche Rentensystem des Jahres 2030 oder 2040 verlässt, könnte bitter enttäuscht werden. Nun hat auch die private Vorsorge ihre Kosten und Fallen. Doch niemand sollte sich täuschen lassen: Die "Rentengarantien" der heutigen Politikergeneration gelten in 30 Jahren garantiert wenig.

Rückfragen & Kontakt:

KURIER
Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0001