Zukunft der Spitäler: Geschäft oder Dienst am Menschen?

Fachleute sind einig: Effizienz und Ethik sind keine Gegensätze Politik ist gefordert: Doppelgeleisigkeiten und Klientelpolitik müssen beseitigt werden - Leadership ist gefragt

Wien (OTS) - Der Gesundheitssektor als Jobmaschine

"Das Gesundheitswesen wird stillschweigend zum Geschäft. Das ist eine grobe Fehlentwicklung", kritisierte Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe am 7. Mai 2009 vor Journalisten in Wien. Zwar müssten sich Krankenhäuser sämtlicher bewährter Managementkonzepte bedienen, aber die Suche nach Produktivität habe dort zu enden, wo die Einzigartigkeit des Patienten beginnt.

Ein Gesundheitswesen, das ausschließlich von den Regeln eines freien Marktes beherrscht wird, führe zur falschen Verteilung knapper Ressourcen, so Heinisch. Das Management habe dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt. So seien etwa die Ordensspitäler beispielgebend bei trägerübergreifenden Kooperationen, um damit kostensparende Synergien zu nutzen.

In Österreich, so Heinisch, sind 76 Prozent der stationären Betten im Besitz der Länder und Gemeinden, 18 Prozent befinden sich in freigemeinnützigen Spitälern (d.h. in Ordensspitälern) und sechs Prozent sind im Besitz gewinnorientierter privater Krankenhäuser -Trend steigend.

Mehr Privat oder mehr Staat?

"Wenn Staat heißt, politische Einflussnahme für Klientelpolitik auszuüben, dann haben wir viel zu viel Staat im Gesundheitswesen. Wenn Privat heißt, den Menschen dem Gewinn unterzuordnen, dann haben wir viel zu viel Privat", betonte Heinisch. Es gehe vielmehr um das Gleichgewicht der Prioritäten. Die österreichischen Ordensspitäler seien gemeinnützig und nicht gewinnorientiert: "Bei uns steht ausschließlich der Mensch im Mittelpunkt".

Basis für eine nachhaltige Sicherung des Gesundheitssystems sei die Beseitigung von Reibungsverlusten und Doppelstrukturen, betonte Heinisch. "Alles andere wäre Geldverschwendung und würde letztlich in eine Zwei-Klassen-Medizin führen". Dagegen sei jeder Euro, der tatsächlich für Qualität und Menschlichkeit ausgegeben werde, eine gute Investition.

Die Schaffung von Rahmenbedingungen und Freiräumen für professionelles Gesundheitsmanagement sei daher im Zuge der Gesundheitsreform ein Gebot der Stunde. Hier sei, so Heinisch, die Politik gefordert. In einer Zeit, in der es immer mehr Therapie-Angebote und -Möglichkeiten gibt, hänge die Wirksamkeit für die Patienten von der optimalen Abstimmung und Organisation ab.

Versorgung aus einer Hand

Mit einer Quote von 10,6 Prozent am Bruttonationalprodukt liege Österreich mit seinen Gesundheitsausgaben in Höhe von 26 Mrd. Euro im internationalen Spitzenfeld, erklärte Maria M. Hofmarcher, Senior Researcher am Institut für Höhere Studien. Die Krise sei, so Hofmarcher, vielleicht eine Chance, Gesundheitspolitik zukunftsorientiert und relativ ideologiefrei zu gestalten. Hiezu bedürfe es "leadership", auch seitens der Regierungsspitzen. Bei zusätzlichen Ressourcen für den Gesundheits- und Sozialsektor in seiner Rolle als "Jobmaschine" müsse allerdings sichergestellt werden, dass diese Mittel ökonomisch sinnvoll eingesetzt werden - bei hoher Qualität der Versorgung und einem ausgewogenen Zugang zu dieser.

"Es ist nicht eine Frage der Mittelaufbringung, sondern wer der bestgeeignete Agent für den Patienten ist, damit der Mitteleinsatz optimiert ist", sagte Hofmarcher. Stichwort: Versorgung aus einer Hand. Hätten etwa die Krankenkassen das Pouvoir, die Versorgung der Patienten zu überblicken und optimal zu steuern, könnten Doppelgeleisigkeiten verhindert werden.

Überdies, so Hofmarcher, müsse Transparenz mit zeitgemäßen Mitteln geschaffen werden, denn Transparenz schaffe Vertrauen. Kassen, Ministerien, Ärztekammern und andere Akteure sollten das Web mit Informationen füttern: z. B. abrufbare Honorarordnungen oder Übertragung von Verhandlungen in Sitzungen.

Effizienz ist Teil von Ethik

"Medizin, Ökonomik und Ethik stehen in Spannung, aber nicht im Gegensatz zueinander", erklärte Mag. Dr. Jürgen Wallner, Institut für Ethik in der Medizin, Med-Uni Wien. Es wäre unklug, diese drei Bereiche gegeneinander auszuspielen. Nur durch wechselseitige Bezugnahme der drei Disziplinen aufeinander könne im Interesse kranker und gebrechlicher Menschen gearbeitet werden.

Medizin, Ökonomik und Ethik seien somit für die Verwendung begrenzter Mittel gleichermaßen zuständig, meint Wallner. Mehraufwendungen, Effizienzsteigerungen und Leistungsbegrenzungen sind laut Wallner drei Optionen, die gemeinsam klug eingesetzt werden müssen, um die Schere zwischen Finanzierung und Leistung nicht größer werden zu lassen.

Wallner: "Mehr Mittel dort, wo sie eine effektive und nachhaltige Investition darstellen - Effizienzsteigerungen dort, wo damit nicht ein ungebührlicher Leistungsdruck auf das Personal verbunden ist -und Leistungsbegrenzungen, die sich an Effektivität, Patientenwillen, Effektivität und Kosten-Nutzen-Relation orientieren."

Beste Medizin als Patientenrecht

Die Frage, ob der medizinische Fortschritt allen zugute kommen kann oder Begrenzungen durch die Ökonomie schlagend werden, behandelte Primar Univ.-Prof. Dr. Johannes G. Meran, Vorstand der Abteilung Innere Medizin im Krankenhaus Barmherzige Brüder Wien. Tenor: "Die bestmögliche Behandlung als Patientenrecht?"

Neben der Forderung einer gerechten Verteilung der Mittel werden, so Meran, an ein Gesundheitssystem aber noch weitere Forderungen gestellt:

1. Anspruch auf bestmögliche medizinische Versorgung entsprechend dem aktuellen Stand der Wissenschaft. 2. Gleicher Zugang zu den Leistungen für alle Menschen, unabhängig von sozialen oder ökonomischen Voraussetzungen. 3. Anerkennung von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung von erwachsenen, entscheidungsfähigen Patienten. 4. Kosteneffizienz und Verschwendungsverbot.

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