"Die Presse"-Leitartikel: Musical als beispielloser Privilegienstadel, von Barbara Petsch

Ausgabe vom 6. MAi 2009

Wien (OTS) - Das Vereinigte-Bühnen-Desaster ist keine Überraschung. Die Kulturpolitik agiert seit Jahren phlegmatisch.

Einkünfte fürs Management, die um über 80 Prozent die Vergleichswerte übertreffen, Prämien für eine wenig erfolgreiche Musicalintendantin, mäßige Auslastung, gewaltige Beraterhonorare. Das Kontrollamt wütet gegen die Vereinigten Bühnen Wien (VBW). Deren Geschäftsführer verspricht Besserung. Was Sache ist, wurde von ihm selbst freilich schon letzte Woche offenbart: Das Wiener Musical- und Opernimperium mit Raimundtheater, Ronacher und Theater an der Wien wird künftig mehr Subventionen brauchen. Die letzten Rücklagen werden heuer aufgelöst. Dann ist mit mindestens ein paar Mio. Euro Mehrbedarf jährlich zu rechnen. Bricht die Auslastung ein - die VBW haben 547.000 Besucher im Jahr - muss der Steuerzahler kräftig blechen. 40 Mio. Euro Subvention reichen halt nicht. Künstlerpech.
Ob Peter Weck, Rudi Klausnitzer, Kathrin Zechner, Franz Häußler oder Roland Geyer, die Gagen der VBW-Chefs waren immer schon fürstlich. Auch jetzt hat man sich abgesichert. Bevor das Desaster ans Licht kam, wurden noch schnell die Intendantenverträge verlängert. An Zeichen an der Wand hat es nicht gefehlt. Immer wieder hieß es, die Oper im Theater an der Wien gehe sich mit dem vorhandenen Budget auf Dauer nicht aus - und: Es gibt zu viel Musical in Wien. Dem Genre fehlen neue Impulse. Musical ist heute weithin ein Gastspiel- und Recyclingunternehmen.
Zu rasant entwickeln sich Videoclips und Popmusik. Zu viele Medien gibt es, in denen das Neue besser zur Geltung kommt als in altmodischen Revuen.
Die Stadt Wien blieb stur auf ihrem Kurs. Fürchten die Politiker, dass Altbürgermeister Zilk, der die Ronacher-Nostalgie propagiert hat, sich aus dem Grab erhebt und sie tüchtig ausschimpft? Die zweimalige Sanierung der Ronacher-Ruine war eine sentimentale Schnapsidee, mit der ein paar Leute bestens verdient haben. Schön für sie. Nur: Mahner wurden ignoriert. Dieses Theater ist zu klein und antiquiert.
Der Tod Fritz Muliars, dieses gewichtigen Wahrsagers, animiert in diesen Tagen zur Frage, was aus der sozialdemokratischen Kulturpolitik geworden ist. Kulturministerin Claudia Schmied scheint mit den Lehrern ausgelastet. Bühnenrenovierungen, Museumsreform? Nichts findet statt. Ein paar Milliönchen werden verteilt, ein paar Löcher gestopft. Die Ernennung eines neuen Salzburger-Festspiele-Intendanten wäre auch langsam fällig.
Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ist auch keine Rakete. Routiniert freut er sich über Vertragsverlängerungen von Festwochen-Intendant und Theaterdirektoren. Nach Herbert Föttinger (Josefstadt), der 2016 auch schon 55 Jahre alt sein wird, darf sich auch der weitaus weniger erfolgreiche Volkstheaterdirektor Michael Schottenberg freuen, dass sein Sessel wieder fest steht. Bis 2015 amtiert er, dann ist er 63, es reicht also fast zum Ruhestand. Die Stadt hat dem Volkstheater ordentlich Geld gegeben. Sonst wäre die große Bühne, die unter Schottenberg zunächst viele Besucher verloren hat, glatt an die Wand gefahren.

Um diese Jahreszeit halten Theaterchefs ihre Spielplanpressekonferenzen voll Eigenlob und Visionen ab. Die Wahrheit ist, dass nicht nur das Musical mäßig ausgelastet ist. Auch die meisten großen Wiener Sprechtheater sind nur zu rund drei Viertel voll. Und das seit Jahren, ganz ohne Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise. Das Wirtschaftsmagazin "Focus" berichtete jüngst, dass die deutschen Opern- und Schauspielhäuser in 40 Jahren ein Viertel ihrer Besucher verloren hätten. Das hat klar auch ästhetische Gründe. Das Regietheater führt dazu, dass an den Bedürfnissen von Teilen des bürgerlichen Publikums krass vorbeiproduziert wird.
Bei zertrümmerten Klassikern und mitunter banalen zeitgenössischen Stücken meiden nicht wenige Zuschauer die Bühnenkunst. Viele wenden sich Konzert oder Oper zu, bei denen wenigstens die Musik stimmt, wohingegen sich das Sprechtheater von verständlicher Diktion schon seit Langem teilweise generös verabschiedet hat. Ist es überhaupt sinnvoll, in Zeiten einer derartigen Explosion der schöpferischen Künste, angesichts der Erfolge von Film und bildender Kunst, noch den Hauptteil des Kulturbudgets in Theater, Museen zu stecken?
sEs bleibt nichts anderes übrig. Wenn man das Geld für die Institutionen streicht, funktionieren sie gar nicht mehr, und das heimische Kulturerbe wird ein weißer Fleck auf der Landkarte. Der Weg führt mit eingefrorenen Subventionen ohnehin langsam dorthin. Dennoch wäre etwas weniger Phlegma der Politik angesichts womöglich fundamentaler Veränderungen im Publikumsgeschmack dringend angebracht.

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