Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Tot im Sauerstoffzelt"

Ausgabe vom 5. Mai 2009

Wien (OTS) - In der Autobranche geht es jetzt zu wie vordem bei
den Banken. Milliarden-Fusionen, Milliarden-Konkurse, Milliarden-Staatshilfen, 50 und mehr Prozent Produktionsminus: Die Hälfte der Branche ist tot, doch das wird unter dem Sauerstoffzelt noch geheim gehalten. So wie bei tektonischen Bruchlinien kommt es nach langen Ruhephasen plötzlich zu Erdbebenkatastrophen. Die damit verbundene Aufregung trübt aber den Blick auf das Wesentliche: auf die Unvermeidbarkeit eines Gesundschrumpfens ganzer Branchen - wovon nur die Sieger im Weltwirtschaftskampf ausgenommen sind, also primär Chinesen, Inder und Vietnamesen.

Die Banken haben sich durch Mega-Schulden und -Risiken bis zur Nicht-mehr-Lebensfähigkeit aufgebläht; und die westliche Autoindustrie durch riesige Überkapazitäten. Diese müssen letztlich radikal abgebaut werden - egal, welche der jetzt diskutierten Fusionen realisiert wird, egal, wie viel Steuergeld vorher noch sinnlos verbrannt wird.

Dieser Abbau wird jedoch von argen Schmerzen begleitet sein: für die Arbeiter, die ihren Job verlieren, und für die Anleger, die ihre Altersversorgung verlieren. Und wer ist schuld? Alle, weil alle immer mehr wollten - und das gleich: Manager, die nicht gesehen haben, wie wenig nachhaltig ihre Firmen aufgestellt sind; Gewerkschaften, die wirklich geglaubt haben, ein amerikanisches oder europäisches Auto könnte zehnmal höhere Stundenlöhne wert sein als ein asiatisches; und Anleger, die nur auf die kurzfristigen Ergebnisse geblickt haben.

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Der Europarat ist 60 Jahre alt. Dazu sollte man seine - lange vergangene - verdienstvolle Vergangenheit loben. Und zwei ketzerische Fragen stellen: Erstens, welchen Nutzen hat der Europarat heute noch? Außer den involvierten Diplomaten, Beamten und Straßburger Bürgermeistern wird wohl kaum jemandem eine schlüssige Antwort einfallen.

Was automatisch zur zweiten Frage führt: Warum leistet nicht auch die Diplomatie ihren Beitrag zum Sparen und sperrt (so wie es die Autobauer müssen) den Europarat und einige weitere internationale Organisationen einfach zu, die unter völlig anderen Konstellationen geschaffen worden sind? Sie sind weitgehend zum Selbstzweck verkommen oder erbringen nur noch Leistungen, die mit viel geringerem Aufwand von anderen Organisationen übernommen werden könnten.

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