"KURIER"-Kommentar von Gert Korentschnig: "Politische Kultur, kulturlose Politik"

Fritz Muliar war der letzte Volksschauspieler. Aber was ist das eigentlich?

Wien (OTS) - Der Erste, der sich zum Tod von Fritz Muliar zu Wort meldete, war BZÖ-Kultursprecher Stefan Petzner. "Muliar hat seine Rollen immer unverwechselbar und mit der für ihn typischen österreichischen Eigenart gespielt", hieß es sofort in einer Aussendung der BZÖ-Parlamentsklubs. Und: Muliar sei auch oft in Widerspruch zu freiheitlichen Vorstellungen und Ideen gestanden. Dies schmälere aber keineswegs seine Leistungen als Schauspieler.
Klingt gar nicht so intolerant. Aber das ist offenbar schon das erste Merkmal für einen Volksschauspieler: Dass alle glauben, ihn zu kennen. Und dass er sich nicht aussuchen kann, wer ihm applaudiert. Das BZÖ (und selbstverständlich auch die FPÖ) steht politisch für all das, was Muliar sein ganzes Leben lang zuwider war.
Was einen Volksschauspieler ebenso ausmacht: Dass sich das sogenannte Volk mit den Rollen, die er verkörpert, identifiziert. Im Fall von Muliar war das oft der Grantler, der Nörgler, der Besserwisser. Er war schon allein daher der Ur-Wiener, der Ur-Österreicher - mit all seinen Kompliziertheiten und Liebenswürdigkeiten.
Manche der einstigen Volksschauspieler waren nur auf einen Typus fixiert gewesen. Wie Hans Moser auf den Dienstmann. Fritz Muliar hat sich aber vom braven Soldaten Schwejk emanzipiert. Einer zutiefst österreichischen Rolle, auch wenn dieser aus Böhmen kam:
Unterprivilegiert; viel schlauer, als man auf den ersten Blick meint; sich durch die Geschichte manövrierend.
Was Muliar, den bewundernswerten Künstler und grandiosen Menschendarsteller, ebenso ausmachte, war seine tief verankerte Ideologie: Er war nicht nur bekennender Freimaurer, sondern durch und durch Sozialdemokrat, mit dem es eben darob die nicht immer zielsicher agierende Sozialdemokratie nicht leicht hatte.
Vor allem aber stand Muliar für etwas, das heutzutage kaum noch existiert: Eine ausgeprägte Streitkultur. Er bezog auf radikale Art und Weise Position, gewann aber aus der Liebe zur Kontroverse eine große Kraft. Er war ein Überzeugungstäter im positivsten Sinn des Wortes. Seine verbalen Gefechte mit dem ehemaligen Burgtheaterdirektor Claus Peymann sind legendär. Auch im ORF, wo Muliar Mitglied im Stiftungs- sowie im Publikumsrat war, erzählt man sich von den intensivsten Debatten. Prachtvoll streiten konnte man mit ihm über Theater- und Operninszenierungen. Er war beharrlich wie kein Zweiter. Aber irgendwann traf man sich in der gemeinsamen Liebe zum Schauspiel und zur Musik. Oder zu Frankreich und zur Gänseleber. Gibt es einen Nachfolger als Volksschauspieler? Nein! Robert Palfrader könnte vielleicht ein solcher werden, ist aber (noch) zu wenig Schauspieler. Martin Zauner wäre prädestiniert dafür - ihm fehlt aber der filmische Multiplikator, den Muliar mit dem "Schwejk" hatte.
Mit Muliar ist einer gegangen, der die Kultur nicht als elitär, dafür als sehr politisch und die Politik als allzu kulturlos definierte. Er wird auf allen Seiten fehlen.
Adieu!

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