DER STANDARD-Kommentar "Nach der Armut das Elend"

von Conrad Seidl

Wien (OTS) - In den guten Jahren hat man sich Zeit gelassen mit
der Konstruktion einer Mindestsicherung, die vor Not bewahrt, ohne gleichzeitig in eine soziale Hängematte einzuladen. Jetzt, wo allein die Idee einer sozialen Hängematte wie eine Fantasie aus einer lang vergangenen Epoche erscheint, hat die Politik immer noch keine Antwort auf die Frage, wie man Armut vermeiden kann.
Dabei wird diese Frage immer drängender: Schon jetzt rechnet man mit 400.000 Armen im Land, übers Jahr werden es rund 100.000 mehr sein. Und es geht immer noch schlimmer: Von der prognostizierten halben Million Armer drohen immer mehr in ein Elend von Verwahrlosung, Wohnungslosigkeit und Isolation abzugleiten. Eine ganze Generation junger, arbeitswilliger und teilweise exzellent gebildeter Menschen rauft sich um die knapper gewordenen Verdienstmöglichkeiten - oft ohne Aussicht, die Armutsgrenze zu überschreiten und angehäufte Schulden abzubauen. Wer ungebildet ist, hat gleich gar keine Chance -das betrifft vor allem zehntausende junge Männer, die als wachsende soziale Problemgruppe noch kaum erkannt sind.
Die vielgepriesenen Bildungsangebote können wenig ändern. Die Mindestsicherung wird zwar immer dringender, aber auch sie kann letztlich nur eine Symptomkur bieten - also materielle Absicherung auf einem bescheidenen Niveau. Was darüber hinaus notwendig wäre, ist eine Politik, die struktureller Armut vorbeugt, den Verarmten Chancen auf höhere Einkommen eröffnet und eine (wenn auch ferne) Perspektive auf selbstgeschaffenen Wohlstand bietet.

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