"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Erste Mai, Karl Marx und die Antworten auf die Krise" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 1.5.2009

Graz (OTS) - Zuletzt war er nur noch Volksfest, eingefrorenes Ritual, ein Fest für Nelkenzüchter. Selbst in Berlin, wo noch in den neunziger Jahren das Abfackeln von Autos zum guten Brauch am 1. Mai gehörte, hatte ein harmloses Volksfest die vermummten Gewalttäter vertrieben.

Dieses Jahr ist der Tag der Arbeit anders. In Riesensprüngen steigt die Zahl der Arbeitslosen. Markt-Skeptiker haben Saison und der Ruf nach einem starken Staat schwillt an. In Deutschland und Frankreich drohen heute gewaltsame Zusammenstöße. SUV-Besitzer bringen ihr Auto vorsichtshalber in die Tiefgarage.

Der Streit um die Deutung der Krise ist voll entbrannt. Krisen gehören zum Kapitalismus, schrieb Karl Marx und das bestreiten auch seine Gegner nicht. Der Unterschied liegt in den Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind.

Marktökonomen sehen in Krisen die Zeichen für Fehlentwicklungen und die Chance zu ihrer Korrektur. Was Marxisten immer wieder aufs Neue für Todeszuckungen des "Kapitalismus" halten, ist ihnen ein Zeichen der Vitalität und Erneuerungskraft der Wirtschaft.

Im 20. Jahrhundert sind die beiden Antworten exemplarisch durchexerziert worden. Ganze Völkerschaften leiden bis heute an den Folgen der radikalen Gängelung, ja Abschaffung von Märkten, wie sie in kommunistischen Staaten praktiziert wurde. Kollektive Verarmung war die Folge und ein Absterben jeder Eigeninitiative.

Der Westen bezahlt seine freien Märkte mit wiederkehrenden Arbeitskonflikten und Wirtschaftskrisen. Dass trotz oder gerade wegen dieser schmerzlichen Schwankungen Wohlstand in nie gekanntem Maße entstanden ist, können auch die schärfsten Kritiker schwer leugnen.

Karl Marx hat im "Kommunistischen Manifest" die Umbrüche seiner Zeit drastisch formuliert. "Alle festen, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können." Das stimmt heute noch mehr als vor 160 Jahren. Der prophetische Text schwankt zwischen Bewunderung und Grauen angesichts der freigesetzten Kräfte der Märkte. Marx hält sie für selbstzerstörend und will sie in Ketten legen.

Den Geist in die Flasche zurück zu stopfen aber ist nur möglich um den Preis der Gewalt. Die freien Kräfte zu steuern und Allen nutzbar zu machen, muss das Ziel sein. Wie, das neu zu klären gibt die Krise Gelegenheit.****

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