"DER STANDARD"-Kommentar: "Wie im Kreml" von Luise Ungerboeck

Ausgabe vom 30.4./1.5.2009

Wien (OTS) - Wer wissen will, wie kreative Buchhaltung
funktioniert, muss sich nicht in der Hochfinanz schlaumachen. Es genügt ein Blick auf die ÖBB-Zahlungsströme. Transparenz ist im Staatskonzern ein Fremdwort, ein Vergleich mit der (nicht zufällig) kurz nach dem Ostblock zerfallenen alten Verstaatlichten drängt sich unvermeidlich auf. Besonders dreist ist, dass von den Entscheidungsträgern _schon interessierte Fragen als Affront betrachtet werden, Kritik ist sowieso ein Sakrileg.
Ihnen sei in Erinnerung gerufen, dass der Bund pro Jahr 1006 Millionen Euro in die ÖBB schieben muss, damit überhaupt Züge fahren. Weitere 800 Millionen Euro sind notwendig, um Sozialtarife und leidliche Nahverkehrsverbindungen zu gewährleisten. Hinzu kommen Milliardenhaftungen für den Bahnausbau - obwohl kein Mensch weiß, ob je etwas anderes als Geisterzüge darauf fahren werden.
Sicher ist nur, dass die ÖBB eine Milliarde verloren haben und nicht einmal die Zinsen erwirtschaften. Und dass die Schulden bereits fünf Prozent der Wirtschaftsleistung Österreichs ausmachen, in zehn Jahren sind es zehn. Also sucht selbst der auf Budgetdisziplin bedachte Vizekanzler immer neue Wege, Milliarden in die Bahn zu schütten, ohne dass sie in der Buchhaltung unangenehm auffallen. Da haben ein paar Millionen Euro Prämien für tüchtige ÖBB-Manager die Öffentlichkeit gar nicht zu interessieren, werden nicht einmal dem gesamten Aufsichtsrat vorgelegt, sondern von einem kleinen Kreis erdacht und abgenickt. Wie im Kreml.

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