Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Zurück in die Dreißiger?"

Ausgabe vom 30. April 2009

Wien (OTS) - Die Weltwirtschaftskrise wird oft mit den dreißiger Jahren verglichen. Also mit Massenarbeitslosigkeit, Elend, Bürgerkrieg, Nationalsozialismus und Weltkrieg. Und tatsächlich: Nie seither hat eine Rezession so viele Länder gleichzeitig erfasst, hat sich die allgemeine Stimmung so rapid verdüstert, hatten die Minuswerte der Wirtschaft und die Budgetlöcher der Staaten so gewaltige Ausmaße.

Man sollte aber nicht vergessen, von welch hohem Niveau diese Rezession gestartet ist. Wenn die schlimmsten Prognosen eintreffen, werden wir um rund ein Jahrzehnt zurückgeworfen, also auf ein damals von niemandem als katastrophal empfundenes Niveau. Auch haben die Staaten zumindest theoretisch erkannt, dass Alleingänge und Protektionismus den Schaden nur vergrößern. Wenn sie es klug anstellen und so mutig und schmerzhaft reformieren wie einst Finnland, das nach dem Kollaps seines sowjetischen Haupthandelspartners gar um 20 Prozent geschrumpft war, dann gehen sie wahrscheinlich sogar gestärkt aus der Krise hervor.

Was aber sind die politischen Konsequenzen der Krise? Steuern wir wieder in Bürger- oder gar Weltkriege hinein? Bedenklich stimmt, wie rasch sich derzeit die Klassenkampftöne gegen "die Reichen" als die angeblich Schuldigen an der Krise verschärfen. Ungeachtet der Tatsache, dass zumindest bisher Aktien- und Immobilienbesitzer die Hauptverlierer sind. Diese Attacken erinnern stark an Klassenkampf und Antisemitismus der Zwischenkriegszeit, als viele die Juden beschuldigten, unredlichen Reichtum erworben zu haben und Krisengewinnler zu sein. Ähnlich falsch und undifferenziert wird derzeit von Rot wie Blau (unter viel Beifall in katholischen und journalistischen Kreisen) gegen die Marktwirtschaft gewettert.

Die wirklichen Fehler der letzten Jahre haben aber nicht Aktionäre, sondern Manager, Politiker und Wirtschaftsforscher begangen. Betrachtet man jedoch genauer, wo in Österreich die ärgsten und teuersten Fehler passiert sind, etwa bei einer Bank-Austria-Tochter und der lange von Claudia Schmied mit geleiteten Kommunalkredit, dann sollte besonders die SPÖ mit ihren Attacken vorsichtiger sein. Und ganz besonders gilt das für den Klassenkämpfer Herbert Tumpel, der ja lange Aufsichtsratspräsident jener Bawag gewesen ist, die von einem Spekulationsfiasko ins nächste stolpert.

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