DER STANDARD-Kommentar "Blackbox Schule"

von Lisa Nimmervoll

Wien (OTS) - "Fühlst du dich geliebt?" oder "Wirst du von deinen Eltern geschlagen" waren zwei jener Fragen, die im Rahmen der Bildungsstandard-Tests Schülern der vierten Hauptschul- und AHS-Klassen gestellt wurden - und bei einigen Eltern für Empörung sorgten. Die Reaktionen - Einbruch in die familiäre Intimsphäre! Huch, Anonymität! - brachten den Fragenkatalog zu Fall. Er wurde neutralisiert.
Aber was, bitte, ist an der Frage "Wirst du geschlagen" privat? Oder an der Frage nach Büchern, Playstation, Lernsoftware? Migrationsthemen? Die Argumentation, dass Gewalterfahrungen der Kinder, ob zu Hause oder in der Schule, zum höchstpersönlichen Intimbereich gehören, ist besonders befremdlich. Gewalt ist ja wohl keine akzeptable Form der privaten Intervention hinter geschlossenen Kinderzimmertüren. Nicht die Frage ist obszön, sondern die erfragte Tat.
Die Schule war ohnehin viel zu lange eine Blackbox, über deren Innenleben wir fast nichts wissen. Die Pisa-Studie war ein Anfang, und ihr geht es genauso wenig wie der aktuellen Bifie-Erhebung darum, Einzelfälle herauszufiltern, sondern darum, empirische Daten über das Schulsystem und die Lebenswelten der Kinder zu gewinnen. Abgesehen davon, dass doch sehr zu hoffen ist, dass Gewalt, Armut oder Migration in den Schulen nicht nur in Zufallsfragebögen angesprochen werden. Solche Studien können der Politik wichtige Hinweise dafür liefern, wo Schule spezifische Angebote - Psychologen, Sozialarbeiter, migrationssensible Pädagogik - machen müsste, damit die Antworten auf solche Fragen in Zukunft weniger bedrohlich wirken als die Fragen.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001