DER STANDARD - Kommentar "40 Jahre Starrheit" von Helmut Spudich

Autonomie für individuelle Schulen brächte Bewegung in die festgefahrene Situation - Ausgabe vom 25./26. April 2009

Wien (OTS) - Das Jahr 2009 ist ein Jubiläenjahr, von Chinas Demokratiebewegung, die am Tiananmen-Platz niedergewalzt wurde, bis zum Fall der Berliner Mauer. Ein heimisches Jubiläum wird auffallend nicht begangen, die Gründung der Schulreformkommis_sion 1969 durch Unterrichtsminister Alois Mock: "40 Jahre Starrheit".
Nicht erst seit Pisa-Test und OECD-Studien ist die große Reformbedürftigkeit der Schulen evident - aber 40 Jahre später stehen sie weiterhin auf demselben Fleck. Zwei Stunden mehr Unterricht? Wir erinnern an Erhard Buseks gescheiterte "45-Minuten-Stunde". Neue Mittelschule? Anfang der 70er gab es "integrierte" (SPÖ) und "additive" (ÖVP) Gesamtschule; Anfang der 80er die "Neue Mittelschule"; 1995 wurde eine "gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen" ergebnislos in den Koalitionsvertrag geschrieben. Dabei fehlt es nicht an unzähligen Ideen und exzellenten Beispielen, wie Schule und Schulsystem besser gestaltet werden könnten. Nein, das eigentliche Problem ist die Unfähigkeit zur Änderung an sich, die Erstarrung, die in den vergangenen Wochen erneut vorgeführt wurde. Der staatliche Top-down-Prozess, bei dem oben Änderungspläne hineingestopft werden, hat über all die Dekaden versagt. Der Staat in der österreichischen Dreifaltigkeit von Bund, Ländern und Gemeinden ist ein schlechter Betreiber, weil er bei der Anpassung an geänderte gesellschaftliche Bedingungen kläglich scheiterte.
Denn Änderungsprozesse brauchen eine von zwei Bedingungen: großes Leid und entsprechend tiefe Krise (siehe Wirtschaftskrise) - oder eine plausible Alternative in Form von Konkurrenz. Beides fehlt offenbar dem Schulsystem. Den Leidensdruck erfahren vor allem Kinder und Jugendliche, die mit Schulversagen oder psychischen Problemen reagieren; Eltern weichen mit Nachhilfe aus, aber entwickeln selten den Druck zu großen Änderungen (eine Ausnahme ist die in den 90er-Jahren durchgesetzte Integration behinderter Kinder). Und Lehrern bleibt die Frühpension.
Nur Alternativen würden für Konkurrenzdruck sorgen, aber sie bestehen kaum: Privatschulen sind entweder konfessionell, was die Zahl der Interessenten einschränkt, oder sie sind für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich, da sie privat finanziert werden müssen. Wenn angeordnete Reform von oben unmöglich ist, kann sie nur von unten erfolgen. Der Staat kann für Konkurrenz und damit Änderungsdruck unter den Schulen sorgen, indem er selbst nicht mehr Betreiber ist - aber selbstverständlich weiterhin die Kosten für die Bildung trägt und die Richtung vorgibt. Damit würde die in Sonntagsreden propagierte Schulautonomie wirklich zu Ende gedacht:
Zum Träger von Schulen könnten Schulvereine werden, so, wie es schon jetzt privat finanzierte Alternativprojekte vorleben. Statt der Lähmung des Ganzen könnte Reform Schule um Schule passieren.
Dies ist kein Plädoyer für einen Rückzug des Staates aus der Bildung, ganz im Gegenteil: Es ist ein Rollenwechsel vom Betreiber zum Auftraggeber, Finanzier und Kontrollor. Dazu gehören Vorgaben über Bildungsinhalte ebenso wie Auflagen, die das Recht auf Schulbesuch vor allem auch für Kinder mit besonderen Bedürfnissen absichern. All das ist zwar Neuland für den Schulsektor, aber im Sozialbereich das grundlegende "Geschäftsmodell": Hier sind hunderte Vereine wie Rotes Kreuz oder Lebenshilfe auf gesetzlicher Basis mit öffentlichen Geldern tätig.
Mit Freiheit zur Änderung für individuelle Schulen käme Bewegung in die festgefahrene Situation: Denn sobald erstarrte Schulen Kinder an die beweglichere Konkurrenz verlieren, besteht Druck zur Änderung. Und sei es nur, um den Job zu erhalten.

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