"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Mehr als nur eine kaputte Fensterscheibe"

Schüler-Demos, frustrierte Lehrer, empörte Eltern: Die Schulpolitik in Pleitegefahr.

Wien (OTS) - Wofür ist die Schule gut? Die Antwort steht im Schulorganisationsgesetz: "Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten, Schönen mitzuwirken ... Die jungen Menschen sollen zu gesunden, arbeitstüchtigen und pflichttreuen Gliedern der Gesellschaft herangebildet werden."
Das ist natürlich nur ein Tugendkanon. Mit dem Schulalltag hatte derlei Politprosa nie viel zu tun. Doch in den vergangenen Jahren wurde die Kluft zwischen den frommen Wünschen des Gesetzgebers und der Wirklichkeit immer größer. Schon unter Elisabeth Gehrer, der Vorgängerin der amtierenden Bildungsministerin Claudia Schmied, gab es massive Zweifel am Willen und an der Kraft für positive Veränderungen. Leitidee war der Machterhalt. Jetzt herrscht totale Orientierungslosigkeit. Eine schlüssige Handlungsstrategie ist nicht erkennbar. Maßgebliche Antriebskraft der Ministerin ist die Schadensbegrenzung. Und auch die misslingt.
Dass der Streit um "Zwickeltage" zu einer Massendemonstration eskalieren kann, ist ein Austriacum, das man ebenso belächeln könnte wie die kaputte Glasscheibe im Ministerium nach einem Apfelwurf. Doch in den vergangenen Wochen ging mehr zu Bruch.
Es gibt zwischen den Schulpartnern - Eltern, Lehrern, Schülern -kein Verständnis mehr, auch zwischen den einzelnen Gruppen wuchern die Egoismen. Die Elternvertreter sind unzufrieden mit dem Kompromiss zu den - eigentlich gestrichenen - schulautonomen Tagen. Vordergründig ist das der Anlass. Der Frust sitzt tiefer. Viele Eltern werfen dem Schulbetrieb generell Versagen vor ("Ich lerne jeden Tag mit meinem Kind, dabei hab’ ich die Matura schon").
Der Schülerprotest entzündet sich am Wegfall bisher unterrichtsfreier Tage, doch nur oberflächlich.
Die schulische Erziehung soll die Jugendlichen "arbeitstüchtig und pflichttreu" machen, - doch lernen sie wirklich fürs Leben? Was brauchen sie, was müssen sie können, wer setzt hier Maß und Grenzen? Die Klärung wichtiger inhaltlicher Ziele unterbleibt. Stattdessen gibt’s Gezeter über Zulagen und Mieten.
Nicht nur die Bedürfnisse von Eltern und Schülern werden nicht befriedigt, auch die Lehrer leiden. Sie haben einen anspruchsvollen Sozialberuf, werden aber mit ihren Nöten alleingelassen und sind daher frustriert. Dabei wären motivierte Lehrkräfte das Wichtigste. Das Schulsystem braucht Korrekturen im Kern, nicht nur am Rand. Dass Claudia Schmied dazu noch die Energie und die Ideen hat, ist zu bezweifeln.

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