Neues Sachbuch über den "Geschmack von Wien"

Wien (OTS) - Ginge es um Salzburg, würde es um die Bedeutung Mozarts und die Musik gehen, stünde Paris im Mittelpunkt, wäre mit "Liebe" und "Kunst" zu rechnen. Lutz Musner hat anstelle dessen über Wiener Imaginationen geforscht und gleich vorweg: Auch wenn die Quellenlage der Überlegungen irritierend bunt erscheint - Philosophen legen sich offensichtlich anderes Datenmaterial zurecht als Historiker - so lohnt es sich trotzdem, dem Wissenschafter auf dessen gedankenreichen Überlegungen zu diversen Wien-Klischees zu folgen. Ob "Musikstadt Wien" oder die symbolische Bedeutung der "Manner Schnitte": Müsste man Musners Studie mit einem Roman vergleichen, so wäre es nicht ganz unangebracht, dabei an die Literatur von Dan Brown zu denken, freilich in einer deutlich weniger rasanten Dramaturgie. Hier wie dort geht es um das Symbolische, das unsichtbar Mitschwingende, um die Zeichenhaftigkeit des Offensichtlichen. Während Brown dazu im Katholizismus reichhaltigen Fundus findet, nimmt Musner Fremden- und Reiseführer, bibliophile Wien-Porträts, aber auch Stiche, wie Bernardo Belottos berühmte Wien-Bilder, Filme, Prospekte, Aussendungen und Werbetexte der Stadt Wien, aber auch das bereits erwähnte Emblem der bekannten, rosaverpackten Nascherei zur Hand, um der Zeichenhaftigkeit Wiens auf die Spur zu kommen. Interessantes Detail: Das religiöse Sediment Wiens lässt Musner beiseite.

Nichtsdestoweniger sind seine Ausführungen, die auf mehreren vorangegangenen Studien von Musner selbst , aber auch von Historikern wie etwa Wolfgang Maderthaner, Gerhard Meissl und Siegfried Mattl fußen, lohnenswert, unterstreichen sie doch den offensichtlich wienspezifischen Drang, sich die eigene Stadt als etwas Besonderes zu imaginieren. Ob es die "Gemütlichkeit" nun sein soll, oder die "Muschel"-Lage der Stadt, die vielerorts konstatierte Musik- und Theaterleidenschaft, der Hang zur Selbsttäuschung, wie auch zur grantelnden "Is eh alles wurscht, aber ..."-Alltagsphilosophie:
Musner analysiert viele dieser durchwegs sehr positiv codierten Wien-Zuschreibungen, ohne auf die hässlichen Seiten der Wiener Stadtgeschichte, die vom grassierenden Antisemitismus zur Jahrhundertwende über die Judenverfolgung und NS-Begeisterung bis zur nachfolgenden Amnesie reichen, zu vergessen.

Trotzdem wäre - vorschlagshalber - bei all diesen Reflexionen etwa ein Eingehen auf die mehr als hundertjährige Tourismusgeschichte der Stadt, die immer auch eine Geschichte der (Außen)Wahrnehmung und des Marketings ist, begrüßenswert gewesen. Wie überhaupt etwas mehr an sozial- und kulturhistorischem Fakten-Korsett, durchwegs straff gezogen, dem Lesen des Textes gut getan hätte. Dies zu erwähnen, schmälert freilich nicht den Gewinn, den man aus Musners knapp 300seitigem "Wiener Geschmack" ziehen kann. Der da wäre: eine brauchbare Zusammenfassung der neuen kulturwissenschaftlichen Theorieentwicklung in Sachen Urbanität und Wiener Moderne in den Händen zu halten, oder die eben letztendlich doch bemerkenswerte Beweisführung, wie sehr es Wien sich angewöhnt hat, die problembehaftete Normalität jeglichen Stadtlebens zugunsten einer mitunter teigig wirkenden Stadt-Zuneigung zu tauschen. Marcel Reich-Ranicki verabschiedet sein Publikum oft mit "Alles besprochen, alles bleibt offen", Musner hält es nicht unähnlich, wenn er zuletzt schreibt: "Dass auch die vorliegende Arbeit dieser Ironie nicht entkommen kann, versteht sich von selbst." Bei Dan Brown wäre solch ein Schlusssatz unvorstellbar, wiewohl er gerade dort angebracht wäre.

o Lutz Musner, Der Geschmack von Wien. Kultur und Habitus einer Stadt. Campus Verlag (www.campus.de), Frankfurt/New York 2009, 295 Seiten, Euro 34,90, ISBN 978-3-593-38897-7

(Schluss) hch

Rückfragen & Kontakt:

PID-Rathauskorrespondenz:
www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Mag. Hans-Christian Heintschel
Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien (MA 53)
Telefon: 01 4000-81082
Mobil: 0676 8118 81082
E-Mail: hc.heintschel@wien.gv.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRK0008